Insofern sind weniger Populismus und Nationalismus auf dem Vormarsch, sondern, in den Worten von Marc, der europäische Ungeist, und wieder trägt er autoritäre Züge. Es geht im Kern um anti-aufklärerisches Denken, und zwar über nationale Grenzen hinweg. sondern es geht darum, ein Argument gegen anti-aufklärerisches Gedankengut zu machen, das das Erbe der europäischen Revolution verrät: Liberté, Egalité, Fraternité. Der erste Satz der Menschenrechtserklärung von 1789 lautet: "Alle Menschen sind geboren frei und gleich in ihren Rechten." Das Erbe der Aufklärung bedeutet, dass in Europa nicht nach Nationalität unterschieden werden darf. Wo die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, Gerichtshöfe in ihrer Arbeit unterminiert werden und nach Nationalität unterschieden wird, wird das europäische Erbe der Aufklärung verraten.
In Ungarn und Polen beispielsweise ist die freie Presse und eine unabhängige Gerichtsbarkeit bedroht bzw. teilweise schon abgeschafft, in Ungarn kämpft eine Universität, die Central European University, um ihr Bestehen. Die Wissenschaft ist also in Ungarn längst nicht mehr frei sondern soll einer Lenkung unterzogen, kritisches Denken soll unterbunden werden. Vielleicht auch aus diesem Anlass gingen vergangenen Samstag viele Menschen auf die Straße, um für eine freie Wissenschaft zu demonstrieren. Als Universität der Weiterbildung steht auch die Donau-Uni in der Verpflichtung, das Erbe der Aufklärung, nämlich freie Wissenschaft und kritisches Denken zu verteidigen, denn Bildung ist mehr als Ausbildung.

Anders formuliert: es tobt wieder ein Bürgerkrieg um Glaubenssätze, um das, was Gut ist, um das, was man glauben soll, worauf sich die Gesellschaft nicht mehr einigen kann: ein Bürgerkrieg des Geistes. Was erodiert ist, mit Hannah Arendt gesprochen, die Urteilsfähigkeit der Gesellschaft, genauer: die Gesellschaft verliert ihre Vor-Urteile. "Vorurteil" ist ein Wort, das meistens negativ konnotiert ist. Aber Vor-urteile sind ein notwendiges Gerüst für eine Gesellschaft, denn nicht jeder kann ständig über alles urteilen, also beruht jede Gesellschaft auf Vorureilen, die vorausgehende Generationen für die Gesellschaft getroffen haben und die die Gesellschaft als gültig akzeptiert, auf die sie sich geeinigt hat und auf denen sie ihre Urteilskraft begründet. Im Westen, also Europa und den USA waren solche "Vorurteile" lange Zeit gängige politische Annahmen, die Sie alle kennen: die USA sind gut, Die UdSSR war böse, Israel ist gut die Palästinenser sind eher radikal, der Holocaust hat stattgefunden, Wissenschaft kennt empirische Befunde, die nicht hinterfragt werden können, der Klimawandel findet statt, der Markt und Freihandel sind gut usw. Alles Deutungshoheiten, die uns lange Jahre begleitet haben.
Das Phänomen des "Populismus", des Bürgerkrieges des Geistes ist, dass sich genau diese Deutungshoheiten gerade in Luft auflösen und Dinge, die wir für "Wahrheiten" gehalten haben, auf einmal hinterfragt werden: in Deutschland gibt es auf einmal "Reichsbürger", die nicht an die Bundesrepublik Deutschland glauben, in den USA Vertreter von Intelligent Design, die an die Schöpfung glauben und Darwin nicht akzeptieren, die den Klimawandel und den Holocaust in Frage stellen. Freihandel ist auf einmal schlecht und nicht mehr gut; kurz: wir verlieren die große Erzählung des Westens, die große Erzählung von Europa, den Glauben an die Dinge, wie sie einmal waren. "Leur monde s’écroule. La notre est construit", ist einer der Sätze von Marine Le Pen.
Wo die Glaubenssätze erodieren, erodiert die Politik, denn Politik ist Repräsentation in einem Staat, was zur Voraussetzung hat, dass man im Kern an die gleichen Dinge glaubt.

Die Intellektuellen der Zeit, allen voran Stefan Zweig, betrachteten in den 20er und 30er Jahren die Kräfte der europäischen Geschichte ebenfalls als alternierenden Grundkonflikt: zum einen den Drang nach Abgrenzung und Abschottung, nach politischer Parzellierung und Verfeindung - der auch heute wieder keimt - und der sich immer wieder in Kriegen entlud ; zum anderen die Entwicklung hin zum größeren, zum europäischen Geist, zur europäischen Einheits- und Verbrüderungsbewegung, die laut Zweig in Europa aus der "ewigen Sehnsucht nach Einheit des Gefühls, Wollens, Denkens und Lebens" hervorgehe. Auch damals tobte in den europäischen Gazetten ein Entscheidungskampf zwischen Nationalismus und Europa.
Heute gelesen, kann man sich nur wundern, wie aktuell die Schriften sind. Zwischen 1925 und 1934, als das faschistische Grollen schon begonnen hatte, sind nahezu 600 Bücher und Zeitschriftenartikel zum Thema europäische Einigung erschienen, und mehr als zehn Vereinigungen warben für eine politische Zusammenarbeit der Nationalstaaten, alle mit mehr oder weniger konkreten Vorschlägen für ein wirtschaftliches und soziales Fundament des geistigen Europas. Interessanterweise konnte man schon damals lesen, dass die Kooperation niemals nur auf die Wirtschaft beschränkt sein könne, im Gegenteil, dass Europa nur über die Mäßigung der Wirtschaft zum Geist gelangen könne und Europa eine Nation werden müsse. Ob Heinrich Mann oder Julien Benda, ob Stefan Zweig, Jacques Rivière oder Romain Rolland: sie alle sahen sich in der Tradition von Diderot, Voltaire oder Kant und Schiller, also in der Tradition von Aufklärung, Humanismus und Vernunft. Kurz, sie bekannten sich zum Kodex universalistisch-pazifistischer Werte der französischen Moralisten des 17. Jahrhunderts ebenso wie der europäischen Aufklärer des 18. Jahrhunderts. Anti-Nationalismus und ästhetische bzw. republikanische Erziehung zu Europa waren die Eckpfeiler des europäischen Geistes und des Weges zur europäischen Freiheit. Es ging in jener ‚Epoche des Widersinns‘ (Zweig) immer und immer wieder um europäische Bildung, um Kultur und Geist, um die stete Aufgabe, ja Verpflichtung der Intellektuellen, der Latenz nationaler Barbarei auf der anderen Seite des Kräftefeldes, den Ungeist, einzudämmen und zu bekämpfen. Stets wehrten die Intellektuellen sich gegen die Wahrung eigener, partikularer Interessen zu Lasten des Anderen. Die damaligen Schriften tragen Titel wie "Die moralische Entgiftung Europas" oder "Die Einigung Europas"; schon damals gab es einen "Appel aux Européens" (Zweig), so wie sie heute das Internet fluten und das dringende Bedürfnis, sich transnational zu organisieren.