Sehr geehrter Herr Rektor Mag. Faulhammer,
sehr geehrter Herr Dekan Prof. Steiner,
sehr geehrte und geschätzte Kolleginnen und Kollegen,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Donau-Uni,
liebe Gäste,

Ich freue mich sehr, hier und heute meine Antrittsvorlesung an der Donau-Uni halten zu dürfen: es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass mir die Leitung des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung übertragen wurde.
Gestern haben wir das Department mit einem öffentlichen Europatag eröffnet; heute möchte ich Sie in dieser Antrittsvorlesung in eine Zeitreise mitnehmen: Europa und Konzepte europäischer Föderalisierung – damals und heute: was ist ähnlich, was ist anders? Die historische Kontextualisierung könnte uns erlauben, einen Ausweg für die derzeitige europäische Krise zu finden, die uns allen Unbehagen bereitet.

Am vergangenen Wochenende waren in Frankeich Wahlen und Marine Le Pen hat ein beachtliches Ergebnis erzielt, auch wenn sie vermutlich nicht Präsidentin Frankreichs wird. Wochenlang zuvor wurde indes diesen Wahlen entgegengefiebert, wie schon zuvor in Österreich bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016 oder bei den niederländischen Wahlen im März 2017, wo zu befürchten stand, dass die PVV von Geert Wilders stärkste Partei wird. "Die Falschen" könnten gewinnen, Rechtspopulisten das politische System erobern, heißt es oft in Kommentaren. Mit Unbehagen wird der Wahlsieg von Donald Trump in den USA beäugt und sein politisches Verhalten mit Sorge beobachtet. Wer oder was aber ist "falsch" in der Politik? Kann man das so sagen? Und wer überhaupt ist "das Volk"? Gibt es eins? Und was hat das alles mit Europa zu tun?

Diese und andere Fragen möchte ich in den folgenden ca. 45 – 50 Minuten kurz anreißen – freilich ohne verbindliche Antworten geben zu können. Vielleicht aber kann die eine oder andere Bemerkung hier zum Nachdenken anregen, denn das ist es, was Sozialwissenschaft vor allem tun soll: laut nachdenken, die Zeitgenossenschaft reflektieren und soziale, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge erfassen und beschreiben. Das ist nicht viel, aber es ist vielleicht einiges, um sich immer wieder in der Zeit und der Realität zu verorten, damit diese nicht einfach davonläuft. Schon Niklas Luhman bedauerte in seiner Vorlesung zur Gesellschaftstheorie 1972, dass die Wissenschaft, vor allem die Sozialwissenschaft, leider die Tendenz habe, sich, ich zitiere, "in ihre eigene Theoriegeschichte, in ihre eigene Methodik und in ihre Datenanalyse so sehr einzuspinnen", dass, , "die Realität derweil einfach wegläuft". Vor diesem Hintergrund möchte ich es zum Anspruch des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung machen, immer einen aktuellen Blick auf die politischen Ereignisse zu haben, damit die Wissenschaft nicht, wie die Eule der Minerva, zu spät die problematischen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse beleuchtet, die uns derzeit umgeben und dann. Denn, um noch einmal Luhmann zu zitieren, ist es immer auch Aufgabe der Sozialwissenschaft, "wissenschaftlich zuverlässige Beschreibungen" der modernen Gesellschaft zu haben. Und so müssen wir uns heute fragen: was passiert gerade in und mit Europa? Und mit der europäischen Demokratie? Noch einmal Luhmann: Was ist der Fall – und was steckt dahinter?