Paris. Ungeduldige Männer, die ungestüm an die Staatsspitze drängen, hat Frankreich schon einige erlebt. Nicolas Sarkozy etwa, der sich als einer der wenigen Politiker ohne den Abschluss bei einer renommierten Elitehochschule an allen Rivalen vorbei nach oben boxte. Oder Jacques Chirac, der im dritten Anlauf und ebenfalls nach einem erbitterten Bruderkampf das höchste Amt übernahm. Ganz zu schweigen von Napoleon Bonaparte, der sich mit 35 Jahren selbst zum Kaiser kürte - doch das waren andere Zeiten.

Nun hat mit Emmanuel Macron wieder ein ambitionierter Mann den Gipfel der Macht in Frankreich erklommen. Er ist der jüngste Präsident der Fünften Republik und hat einen rasanteren Aufstieg hinter sich als jeder seiner Vorgänger. Als "Ufo" bezeichneten die Medien den 39-Jährigen oft, der mit seiner eigenen Partei "En marche!" ("Vorwärts!") angetreten war, noch nie in ein Amt gewählt wurde und der breiten Öffentlichkeit vor drei Jahren noch weitgehend unbekannt war.

Der Feingeist

Zwar erregte der smarte Jungpolitiker schon eine gewisse Neugierde seit der Wahl von François Hollande 2012, der ihn als Wirtschaftsberater an eine Schlüsselposition setzte. Dazu trugen auch flapsige Sprüche bei wie jener, Frankreich sei "wie Kuba, nur ohne Sonne". Auch bekam der begabte Klavierspieler, der in seiner Jugend Preise für sein Talent am Piano erhielt, den Beinamen "Mozart im Élysée-Palast" verpasst. Macron galt dort als einer der Hauptverantwortlichen für den wirtschaftsfreundlichen Kurs der sozialistischen Regierung - und er setze auf sozialen Dialog. Im Rahmen eines mit den meisten Gewerkschaften ausgehandelten "Verantwortungspaktes" kam sie den Unternehmen mit einer milliardenschweren Steuerentlastung entgegen, damit diese im Gegenzug investieren und Jobs schaffen. Wie wirksam dies war, ist bis heute umstritten. Von damals stammt auch die Animosität des linken Sozialisten-Flügels gegenüber Hollande und dessen Schützling.

Einander vorgestellt hatte die beiden 2008 der einflussreiche Ökonom und einstige Berater von Präsident François Mitterrand, Jacques Attali. Nach einem ersten Posten in der renommierten Finanzinspektion beteiligte sich Macron, Absolvent der Elitehochschule ENA, an Attalis Wachstumsbericht mit Reformvorschlägen für den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Diese wurden zwar nie umgesetzt, doch machte Sarkozy Macron als interessantes Talent aus, dem er die Zusammenarbeit anbot.

Doch der junge Mann fühlte sich bei den Sozialisten besser aufgehoben, obwohl er nur zwischen 2006 und 2009 Parteimitglied war, und näherte sich daher Hollande an. "Wenn du in die Politik willst, stelle ich dir die Leute vor, die du kennen musst", soll ihm der langjährige Parteichef der Sozialisten damals versprochen haben. Macrons Charme und seine Intelligenz hätten ihn schnell eingenommen, gab Hollande später zu.

Doch anstatt den mühsamen Weg über lokal- und regionalpolitische Ämter zu gehen, stieg der ehrgeizige junge Mann im Jahr 2008 zunächst bei der Privatbank Rothschild & Cie ein, wo er rasch in die Geschäftsführung aufrückte, die Übernahme der Säuglingsnahrungssparte des US-Pharmakonzerns Pfizer durch den Nahrungsmittelkonzern Nestlé abwickelte und innerhalb kurzer Zeit Millionär wurde. Deshalb interessierten sich seine Gegner im Wahlkampf auch so für seine Einkommenserklärung und den angeblichen Lebenswandel eines Neureichen, und warfen ihm seine Feier in der gehobenen Pariser Brasserie "La Rotonde" nach der ersten Wahlrunde vor. Marine Le Pen setzte beim letzten TV-Duell vor der Stichwahl sogar das als Frage formulierte Gerücht in die Welt, Macron könnte ein Offshore-Konto auf den Bahamas habe. Der russische PR-Sender "Russia Today" hatte dies kurz zuvor behauptet. Macron reichte prompt Klage gegen Le Pen ein.

Mit dem Kopf durch die Wand

Statt einer weiteren Karriere in der Welt der Finanzen schloss er sich im Wahlkampf 2011/2012 Hollandes Team an. In einem Dokumentarfilm über die ersten Monate des sozialistischen Präsidenten im Amt, der einen Blick hinter die Kulissen erlaubt, fällt bei allen Besprechungen der junge Mann auf, der stets höchst aufmerksam dabei ist, immer wieder einen Kommentar einwirft und erkennbar um die Anerkennung des Präsidenten buhlt. Er sollte sie auch bekommen: Als Macron 2014 kündigte und den Gang zurück in die Privatwirtschaft erwog, setzte dies Hollande unter Druck; bald darauf machte er ihn zum Wirtschaftsminister. Zwischen beiden Männern gab es eine große Nähe, berichten Gérard Davet und Fabrice Lhomme, Journalisten bei "Le Monde" und Autoren des Gesprächs-Buches "Ein Präsident sollte das nicht sagen...": "Die vier Kinder von Ségolène Royal und François Hollande hielten sich stets aus der Politik heraus. Mit Macron glaubte Hollande, seinen politischen Ziehsohn gefunden zu haben." Er plante wohl, diesen zu seinem Nachfolger aufzubauen - allerdings erst später; 2017 wollte Holande ursprünglich selbst noch einmal antreten.