Berlin/Wien. Sie seien "ganz anders als alle anderen Parteien", wo immer nur geredet, aber nicht gehandelt werde. "Jung und wild" seien sie obendrein: Die Begeisterung vieler Deutscher für die Piraten kannte im April 2012 kaum Grenzen. Fast ein Drittel der Bürger konnte sich damals vorstellen, die Partei zu wählen. Dem kometenhaften Aufstieg ist ein langer Absturz gefolgt. Bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen am Sonntag werden die Piraten nicht nur hochkant aus dem Düsseldorfer Landtag fliegen. Die Umfragewerte an Rhein und Ruhr sind so niedrig, dass Meinungsforschungsinstitute die Partei nur mehr in der Kategorie "Andere Parteien" subsumieren. Noch vor fünf Jahren erreichten die selbst ernannten Freibeuter knapp acht Prozent in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland. Nach der Wahl am Sonntag werden die Piraten in keinem deutschen Landesparlament vertreten sein, geschweige denn dem Bundestag; sie stellen lediglich noch einen Abgeordneten im EU-Parlament.

Dabei schien die 2006 gegründete Partei den Nerv der Internet-Generation getroffen zu haben: gegen das Urheberrecht, für eine liberale Netzpolitik und digitale Basisdemokratie. Letzteres versprach den Mitgliedern flache Hierarchien und Mitsprachemöglichkeiten ab dem ersten Tag anstatt der Ochsentour über verkrustete Strukturen wie bei CDU, SPD, Grünen, FDP oder Linkspartei (bis zur Gründung der AfD vergingen noch Jahre). Von September 2011 bis Mai 2012 feierten die Piraten große Erfolge bei den Landtagswahlen in Berlin, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und im Saarland. Von ein paar Hundert stieg die Mitgliederzahl auf mehr als 20.000 Personen. "Liquid Democracy" war der Trend in der Parteienlandschaft.

Jene Mischung aus direkter und indirekter Demokratie, die auf Teilhabe im Netz basiert, sollte sich als Totengräber der Piraten herausstellen. Die interne Beflegelung gehörte bald zum schlechten Ton der Partei, ebenso wie frauenfeindliche Sprüche. Einzelne Piraten kamen sich gleich in aller Öffentlichkeit via Kurznachrichtendienst in die Haare. Schädlich war auch das Dauergerangel um Einfluss. Jeder hatte etwas zu sagen, während der Parteivorstand bewusst ohnmächtig konzipiert wurde. "Man hat es nie verstanden, vernünftige Hierarchien und Verantwortlichkeiten herzustellen", sagte der Berliner Pirat Martin Delius zur "Süddeutschen Zeitung". Oder, weniger höflich, mit den Worten niedersächsischer Parteimitglieder: "Selbstdarsteller, Karrieristen und Trolle" tummeln sich in der Partei.