London. Bei der britischen Parlamentswahl in einer Woche könnten die Konservativen um Premierministerin Theresa May einer Umfrage zufolge ihre absolute Mehrheit verlieren. Einer Berechnung des Instituts YouGov zufolge könnten die Tories auf 310 der 650 Mandate kommen. Das wäre eine schwere Schlappe für die Regierungschefin und würde die Verhandlungen über den Austritt aus der EU komplizierter machen.

May hatte im April die Neuwahl überraschend ausgerufen und auf damals starke Umfragewerte gesetzt. Sie wollte eigentlich ihre absolute Mehrheit ausbauen, um ihre Macht in der eigenen Partei zu festigen und freiere Hand für die Brexit-Verhandlungen zu bekommen.

Mit Mays Ankündigung, älteren Bürgern höhere Eigenleistungen bei der Pflege abzuverlangen, sank die Zustimmung. Betroffene sorgten sich, ihre Häuser verkaufen zu müssen, um die Pflegekosten zu stemmen. Nach dem Anschlag von Manchester setzte die oppositionelle Labour-Partei der Regierung zudem mit Kritik am Jobabbau bei der Polizei zu.

May sorgte als Innenministerin für Kürzungen bei der Polizei


Bei einem Fernsehauftritt Montagabend fragte ein Polizist etwa May, warum sie als Innenministerin "verheerende" Stellenstreichungen bei der Polizei vorgenommen habe. May antwortete, sie habe dafür sorgen müssen, dass Großbritannien "nicht über seine Verhältnisse lebt". Bei Anti-Terror-Einheiten und der Polizei werde künftig aber nicht weiter gespart.

Die YouGov-Berechnung für die "Times", die den Tories den Verlust der absoluten Mehrheit prognostiziert, hat der Zeitung zufolge aber Unwägbarkeiten. Kern sei zwar die Befragung von rund 50.000 Personen. In die Erhebung seien aber auch andere Faktoren eingeflossen - etwa der Wohnort der Befragten, deren Alter, der soziale Hintergrund und auch die Frage, wie sie bei dem Brexit-Referendum abgestimmt hätten. YouGov-Chef Stephan Shakespeare zufolge war das Modell allerdings schon bei der Brexit-Abstimmung in der Erprobung und sagte - im Gegensatz zu fast allen anderen Erhebungen - die Mehrheit für den Ausstieg aus der EU korrekt vorher.

Die meisten anderen Umfragen sagen den Tories nach der Wahl am 8. Juni weiter eine absolute Mehrheit voraus. Bei den britischen Buchmachern steht die Quote dafür bei mehr als 80 Prozent. Diese hatten aber auch beim Brexit-Referendum daneben gelegen. Der YouGov-Berechnung zufolge würde Labour aktuell auf 257 Sitze kommen - 25 mehr als bisher. Auf die kleineren Parteien entfielen 83 Sitze. Labour hat von der Regierung im Gegenzug für eine Zustimmung zum Brexit Garantien für Arbeitnehmer- und Verbraucherrechte sowie einen Ausgleich für entfallende EU-Investitionen gefordert.

Die YouGov-Berechnung und die damit einhergehende Angst vor einem chaotischen Brexit hat die Anleger am Mittwoch dazu verleitet, das Pfund Sterling in hohem Bogen aus ihren Depots zu werfen. Die Währung fiel am Mittwoch um bis zu 0,7 Prozent auf ein Sechs-Wochen-Tief von 1,2770 Dollar.

Sollte keine Partei eine Mehrheit erreichen, wäre das aus Sicht von Experten Gift für die Börsen. "Dieses Restrisiko blenden die Anleger bislang aus, deswegen würde das die größten Verwerfungen nach sich ziehen", erklärt Kathleen Brooks von Gain Capital. Britische Aktien und das Pfund gingen dann wohl auf Talfahrt. Sie sieht bei einem Patt im Parlament den Sturz des Pfundes auf 1,20 Dollar.

Analyst Paul Meggyesi von der US-Großbank JP Morgan sieht aber auch bei einem Wahlergebnis ohne absolute Mehrheit für eine Partei Chancen für eine Pfund-Rally. "Man kann argumentieren, dass eine Mitte-Links-Koalition einen sanfteren Brexit bringt oder die Aussicht darauf."

Am Terminmarkt erreichten die Wetten auf fallende Pfund-Kurse am Mittwoch jedenfalls den höchsten Stand seit dreieinhalb Monaten. Der Londoner Auswahl-Index FTSE stieg dafür auf ein Rekordhoch von 7586,45 Punkten, weil durch den Pfund-Verfall britische Waren auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger werden.