Paris/Wien. Hacker-Angriffe und Fake News werden seit dem Brexit-Votum und der Wahl Donald Trumps heftig diskutiert. Doch bereits lange davor, vor eineinhalb Jahren stellte sich das Team der Tageszeitung "Le Monde" die Frage, wie es diesen Problemen angesichts der französischen Präsidentschaftswahl 2017 begegnen könnte.

Die 400 Redakteure, 60 davon für die Webseite zuständig, entwickelten im Frühjahr 2016 ihre Strategie. Die Schwerpunkte ihrer Wahlkampfberichterstattung umfassten Faktenchecks in der täglichen Live-Berichterstattung. Falsche Behauptungen und Fake News wurden entlarvt, Tweets und Posts von Politikern in Kontext gesetzt. Die TV-Debatten der Kandidaten wurden live online begleitet - mit großem Erfolg: Verzeichnet der Online-Auftritt von "Le Monde" sonst vier Millionen Visits am Tag, registrierte die Webseite mit dem Live-Fact-Checking 40 Millionen Besuche in einer Duell-Nacht. Darüber hinaus setzt "Le Monde" auf Interaktion mit seinen Usern. Auf der Webseite bot das linksliberale Medium täglich Chats mit Experten an. Zudem berichtete ein Team von acht Journalisten aus allen Ecken des Landes, um Franzosen vor Ort eine Stimme zu geben.

Verkaufsschlager Aufklärung

Aber auch nach den kommenden Parlamentswahlen am 11. und 18. Juni wird das Fact-Checking-Team "Les Décodeurs", das zwölf Mitarbeiter umfasst, weiter Fakten erklären, Daten visualisieren und Enten entlarven, denn "der Kampf ist noch nicht vorbei", sagt Cécile Prieur, Co-Chefredakteurin und Digitalchefin der Zeitung. Sie sieht die Arbeit ihres Teams als zukunftsträchtige Strategie für den Journalismus, "die Artikel waren ein großer Erfolg, die Leute sind diesbezüglich sehr wissbegierig". Prieur, die auch Teil des Innovationsteams von "Le Monde" ist, erklärte sie bei der Auftaktveranstaltung des GEN Summit 2017 in Wien, dass ihre Redaktion auch an Tools arbeite, mit denen User selbst Informationen überprüfen können. So entwickelte "Le Monde" eine kostenlose Anti-Fake-News-Plattform "Décodex", die als Browser-Erweiterung installiert werden kann, um die Seriosität von Webseiten zu überprüfen.

Die Journalisten leisten auch Aufklärungsarbeit. So wird in Videos Schritt für Schritt erklärt, wie man als Leser etwa die Echtheit eines Fotos überprüfen kann. Zudem wird in Kürze ein Team von Redakteuren mit diesen Tools in Schulen gehen, um Teenager medienkompetent zu machen, so Prieur. Sie betont, "Le Monde" wolle sich keinesfalls inhaltlich den neuen Medien anbiedern, jedoch alle Kanäle nutzen, die ihr zur Verfügung stehen, um auch junge Menschen zu erreichen.

So informieren sich Franzosen unter 25 Jahre gerne über Snapchat. Täglich erreicht das Medium hier an die tausenden Abonnenten. Was der Printausgabe nicht schadet, im Gegenteil: Die User- und Leserzahlen von "Le Monde" sind im vergangenen Jahr gestiegen. Nach den Wahlen werde das Medium diesen Fokus fortsetzen. "Wir konzentrieren uns weiter auf Leute, die stark in ihrer Blase gefangen sind", sagt Prieur.

Social Media fehlt Kontext

Das Verhältnis des neuen Präsidenten, Emmanuel Macron, zu den Medien sei völlig konträr zu dem seines sozialistischen Amtsvorgängers François Hollande, der sehr enge Beziehungen zu Journalisten unterhielt. Macron "surft auf einer Welle mit den Leuten, die genug von den Medien haben", sagt Prieur zur "Wiener Zeitung". Macron gibt sich distanziert - er sagte vor einem Jahr, er wolle ein "jupiterischer Präsident" sein, und spielte damit auf die enorme Machtfülle des französischen Präsidenten an. Kurz nach seinem Wahlsieg, vor dem er von den Massenmedien bereits als Sieger gehandelt wurde, erzürnte er jedoch die Presse - er mahnte seine Mitarbeiter und Minister vor fahrlässigem Umgang mit der Presse, verbannte Journalisten aus dem Élyséepalast und wählte sich die Journalisten, die ihn beim Besuch französischer Truppen in Mali begleiten sollten, selbst aus. Dies resultierte prompt in einem öffentlichen Protestbrief von mehr als 20 Medienorganisationen, darunter auch Reporter ohne Grenzen und "Le Monde".

Macron und Team beherrschen wie alle anderen Parteien in Frankreich mittlerweile die Arbeit mit den sozialen Medien sehr gut, sagt Prieur. Gerade wenn Politiker den direkten Kontakt zu den Menschen suchen und die klassischen Medien umgehen, wird es für diese umso wichtiger, die verbreiteten Behauptungen aufzugreifen, zu kommentieren und in Kontext zu stellen.

Alle Präsidentschaftskandidaten - von links- bis rechtsaußen - bespielen weiterhin eifrig Twitter, Facebook und Co. Für Prieur und ihre Kollegen bleibt also nach wie vor viel zu tun.