- © afp/J. Tallis
© afp/J. Tallis

Wien/London. In den vergangenen hundert Jahren hat Großbritannien eine gewaltige Entwicklung durchlaufen: Von der mächtigsten Kolonialmacht überhaupt hat sich das Königreich in ein Land verwandelt, das heute ziemlich alleine dasteht - und bald auch nicht mehr zur EU gehören wird. Damit verliert es wohl auch den Zugang zum weltweit größten Wirtschaftsraum.

Als sich die Briten im Juni vor einem Jahr für den Brexit entschieden, setzten viele auf den anglosächsischen Zusammenhalt. Wozu war die Europäische Union überhaupt gut? "Wir wollen die Kontrolle über unser Land zurück", skandierten die Brexiteers. Was geschah, überraschte selbst das Austrittslager innerhalb der Tories, denn offenbar hatten sie eine knappe Mehrheit der Wähler davon überzeugt, dass es ihnen außerhalb der Staatengemeinschaft besser gehen würde.

Mit Europa konnten und wollten die Briten ohnehin nie so richtig. Da gehörte man nicht dazu, daran änderte auch die EU-Mitgliedschaft nichts. Viel näher schien da schon der Verbündete jenseits des Atlantik. Die USA waren der zuverlässige Partner, an dessen Fersen man sich heften muss, mit dem man Kriege gewinnen konnte. Doch Präsident Donald Trump hat auch dieses Vertrauen getrübt - zuverlässige Partner sehen anders aus als der dauertwitternde, selbstverliebte New Yorker Immobilienmogul.

Seit er im Jänner sein Amt angetreten hat, geht Trump auf Distanz zum Rest der Welt. Während der Nachbar Kanada und die EU nun gezwungenermaßen eigene Wege gehen und, etwa bei der Verteidigung und in Sachen Klima, enger zusammenrücken, bleiben die Briten allein übrig - und können Präsident Trump nur dabei zusehen, wie er tiefer in seine eigene innenpolitische Krise rutscht.

Dabei war das Verhältnis zwischen Großbritannien und den USA nie so eng, wie sich London das gewünscht hatte. Mehrmals verärgerten die Briten die USA, weil sie sich militärisch zurückzogen (östlich des Suez, im Jahr 1971) oder keine verbündeten Truppen schickten (Vietnam 1965 bis 1977).

Langsamer Niedergang


Der Abstieg des britischen Imperiums setzte jedoch viel früher ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann das Vereinigte Königreich, seine Kolonien in die Unabhängigkeit zu entlassen. Indien verließen die Briten 1947 - die damalige Labour-Regierung hatte erkannt, dass die Unabhängigkeit nicht mehr aufzuhalten und die Kombination aus britischem Sozialstaat und Kolonien einfach zu teuer war. Ab den späten 1950ern folgte der Rückzug aus Afrika. 1960 hielt der damalige Tory-Premier Harold Macmillan seine berühmte "Wind of Change"-Rede vor dem südafrikanischen Parlament, zehn Jahre später hatten die meisten britischen Kolonien auf dem Kontinent ihre Unabhängigkeit erlangt.

Bei all diesen Entwicklungen hat Großbritannien eines nicht verloren: sein an Größenwahn grenzendes Selbstvertrauen. So meinte etwa der britische Außenminister Boris Johnson zum Thema Brexit: "Wir kontrollierten einst das größte Reich, das die Welt je gesehen hat. Und jetzt sollen wir nicht in der Lage sein, Handelsabkommen abzuschließen?"

Johnsons Arroganz baut auf einem Missverständnis auf: Die Briten verhandeln den Brexit ja nicht als jene Großmacht, die sie einst waren, sondern als eines von 28 EU-Ländern, das die Staatengemeinschaft nun eben verlassen will. Und als solches können sie die Zukunft nicht wie früher bestimmen (oder ihre Kriegsschiffe schicken), sondern müssen sich auf anstrengende und komplizierte Verhandlungen einlassen - und wohl den einen oder anderen Kompromiss eingehen.

Wenn die Brexit-Verhandlungen kommende Woche starten, hat Brüssel London eines ganz bestimmt voraus: Die EU-Kommission, die den britischen Austritt für die verbliebenen Mitgliedstaaten verhandelt, hat sich monatelang auf die Gespräche vorbereitet. In Sachen Brexit haben bisher sogar die sonst recht uneinigen EU-Staaten zusammengehalten. London hat hingegen überhaupt keinen Plan - Premierministerin Theresa May und ihre Tories haben ihre Wünsche bisher eher auf Traumgebilden aufgebaut als auf Fakten.

Wie auch immer die Verhandlungen mit Brüssel in den kommenden eineinhalb Jahren laufen werden - sicher ist, dass der Brexit Großbritannien noch mehr isolieren wird.