Ein Kapitel widmet sich Dieter Posch, Bürgermeister von Neudörfl (Burgenland), der dies ohne Proteste und in aller Ruhe schaffte. Er steht als Beispiel für die vielen anderen Bürgermeister, die Quartiere und eine erste Integration ermöglichten.

Ferry Maier, aber auch der ehemalige UN-Flüchtlingskoordinator Kilian Kleinschmid (interviewt von der Buch-Coautorin Julia Ortner), widersprechen übrigens der These, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem Satz "Wir schaffen das" die Menschen aus den Krisenregionen quasi anlockte. Sie waren zu diesem Zeitpunkt bereits da, und ihre schiere Zahl machte Grenzschließungen humanitär unmöglich. Hätte man auf die Menschen schießen sollen?

Heute befinden sich etwa 84.000 Menschen in der Grundversorgung. "Wir schaffen das, weil wir müssen", sagt Kleinschmid im Buch. "Leute, es wird hart, aber sehen wir es auch als Chance für eine moderne, vernetzte Welt." Der Experte macht auch die fehlende politische Einigkeit dafür verantwortlich, dass es kein Registrierungssystem der heranströmenden Menschen gab. Er macht das sogenannte Dublin-Abkommen dafür dingfest. EU-Länder hatten wenig Interesse, die Menschen zu registrieren, weil sie dann - gemäß diesem Abkommen - zurückgenommen werden müssten.

Mittlerweile ist das Abkommen de facto tot, es taugte aber ohnehin so gut wie nichts. Sehr gut herausgearbeitet wird im Buch auch die Zuständigkeit des Innenministeriums. Zum einen wird die Flüchtlingsfrage vor allem als Sicherheitsthema betrachtet. Die NGOs, die mit den Flüchtlingen arbeiten, werden - so das Buch - eher kritisch betrachtet. Eine vertrauensvollere Zusammenarbeit würde vieles erleichtern.

Nun geht es also an die Integration der Menschen. Dafür ist das Außenministerium zuständig, aber um die Menschen arbeiten zu lassen, ist das Sozial- und Wirtschaftsministerium vonnöten. Ein "Runder Tisch", der all dies zentraler organisieren hätte können, wurde abgelehnt, wie Ferry Maier beschreibt. Die Kombination aus schlechter Bezahlung für gemeinnützige Arbeit (3-, 2-, 1-, Nulleuro-Jobs...) und Kürzung der Mindestsicherung verschlechterte die Integrationsbemühungen. "Man muss einer Teilzeitbeschäftigten sagen, dass sie nicht mehr kriegt, wenn man den Flüchtlingen weniger bezahlt", beschreibt es Bürgermeister Posch im Buch.

Insgesamt ist das Buch nicht nur ein Dokument eines turbulenten Jahres, das Ende August 2015 begann, sondern auch eine Anleitung, wie es besser funktionieren könnte, ohne das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung zu strapazieren und die Sozialsysteme nicht über Gebühr zu belasten. Zwei Beispiele von jugendlichen Flüchtlinge geben Einblick, was diese neuen Mitbürger von dieser Gesellschaft erwarten. Und es ist ein Buch darüber, dass sich in Krisensituationen die charakterliche Spreu vom Weizen trennt. Christian Konrad: "Ich weiß auch wieder, wie viele Freunde ich habe - nämlich wenige. Viele, die jubeln, sind nicht da, wenn es darauf ankommt."

Buchtipp

Ferry Maier,

Julia Ortner

"Willkommen in Österreich", Tyrolia-Verlag

175 Seiten

19,95 Euro