Turk studiert Englisch und Literatur an der angesehen Bogazici Universität in Istanbul und möchte am liebsten Schauspielerin werden. Ihr Großvater, Ahmet Turk, ist ein berühmter HDP-Politiker und ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Mardin an der Grenze zu Syrien. Er wurde, wie viele andere kurdische Bürgermeister, abgesetzt und inhaftiert. Auch Turk war lange politisch aktiv, bis sie einen Studienplatz an der Columbia Universität in New York bekam. Um keine Probleme mit dem Staat zu bekommen, mied Turk ab diesem Zeitpunkt Demonstrationen.

Dass sie trotzdem massive Probleme bekommt, hat mit einem leeren Zimmer in ihrer Wohnung zu tun. Auf der Plattform AirBnb vermietet sie es im Herbst 2015 an eine junge Frau namens Sinem Oguz. "Sie war sehr ruhig, wir haben uns nicht oft gesehen" erinnert Turk sich heute. Bis am 27. Jänner Helikopter über ihrer Universität kreisen und die Polizei ein Auto konfisziert, in dem eine Bombe gewesen sein soll. Turk, einige Freunde sowie Oguz - insgesamt 14 Menschen - werden festgenommen und verdächtigt, Mitglieder der PKK zu sein. Turks Anwalt betont, dass es keine Beweise im Bezug auf die Bombe und ihre Kooperation gebe. Auch Turk beteuert ihre Unschuld und die Tatsache, dass sie dieses Auto noch nie zuvor gesehen habe. Da ein Verfahren gegen die Studentin läuft, kann sie das Land derzeit nicht verlassen. Die Columbia Universität sagt ihr ihren Platz weiterhin zu, erzählt die Studentin. Turk drohen bis zu 24 Jahre Haft.

Kurz vor dem Ausbruch

"Es genügt heute, Kurdin zu sein, um eingesperrt zu werden", meint der 26-jährige Cihad Ilbas. Er sitzt neben Heja Turk in einer Rooftop-Bar nahe dem Taksim-Platz. "Ich will nichts romantisieren. Ich bin Kurde, wie ein Schwede Schwede ist. Wir müssen aber politisch aktiv sein, um leben zu können." Natürlich würde er sich am liebsten keine Gedanken über seine Identität machen müssen und für die Rechte von Homosexuellen oder den Umweltschutz kämpfen. Ja manchmal könne er kaum glauben, dass sie immer noch für den selben Blödsinn demonstrieren würden, meint er niedergeschlagen. Und trotzdem hat er Hoffnung. Genauso wie auch Demir, Turk und Yildiz. Bald werde sich etwas ändern. Darüber sind sich alle einig.

Wie die Türkei in Zukunft mit der Kurdenfrage umgehen wird, ist stark an die Situation in Syrien gekoppelt - und somit auch an Europa. Zu lange behandelt Europa die Türkei wie ein rohes Ei. Die Angst, der Flüchtlingsdeal könnte platzen, schien vorrangig.

In Wahrheit befindet sich die Türkei mittlerweile aber selbst an einem Scheidepunkt. Am ehesten lasse sich das mit dem Bild eines Druckkochtopfs erklären, meint Clemens Lahner dazu: "Es köchelt gewaltig. Die Frage ist nur, ob noch tausende Menschen sterben müssen, bevor er explodiert." Auch die Kurden radikalisieren sich zunehmend. Zu groß sind die Verzweiflung und die Aussichtslosigkeit über ihre Lage, die sich seit Jahrzehnten nicht verbessert hat.

Auf Dauer wird Erdogan die Kurden, die fast ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, nicht mehr unterdrücken können. Irgendwann wird ein Dialog auf beiden Seiten wieder forciert werden und die kurdische Identität offiziell anerkannt werden müssen. Es bleibt offen, auf welchen Weg das passieren wird und wie viele Menschen dabei noch sterben müssen. Bald wird ihr Volk seine Rechte endlich bekommen, ist sich auch Turk sicher. "Auf dem einen oder eben auf dem anderen Weg", sagt sie zum Abschied.