Berlin. Burka, Bikini, Badehose - das muss nicht sein. Bekleidungsvorschriften gibt es aber eigentlich keine. In die liberale Moschee "Ibn-Rushd-Goethe" in Berlin kommen Frauen auch ohne Kopfbedeckung hinein. Sie müssen außerdem weder einen separaten Eingang benutzen, noch werden sie in einen eigenen Raum verwiesen. Homosexuelle sind willkommen; überhaupt sind der Beziehungsstand oder die sexuelle Orientierung nichts, was Besucher verstecken müssten.

Das ist etwas Besonderes - und ebenso, dass Sunniten, Schiiten, Aleviten und Anhänger anderer Ausrichtungen des Islam in der vor wenigen Tage eröffneten "Ibn-Rushd-Goethe-Moschee" (Ibn Rushd war im Mittelalter ein islamischer Aufklärer) zusammen beten. Gepredigt wird auf Deutsch.

Die Berliner Anwältin und Frauenrechtsaktivistin Seyran Ates hat sich damit einen Traum erfüllt. Seit vielen Jahren hoffte die heute 54-Jährige darauf, eine liberale Moschee besuchen zu können. Schließlich wurde Ates selbst aktiv. "Gott hat uns als gleichwertige Wesen und gleichberechtigt geschaffen", sagt sie.

Das Thema Gleichberechtigung begleitet Ates ihr ganzes Leben lang. Aufgewachsen in einer traditionellen Familie, zunächst in der Türkei, kam sie mit sechs Jahren nach Berlin. Die Eltern - der Vater Kurde, die Mutter Türkin -waren Gastarbeiter; sie erzogen ihre Tochter streng, wenn auch religiös liberal.

Als 17-Jährige zog sie aus, sie "haute ab", wie Ates es nennt: Sie habe selbstbestimmt leben wollen. Ates war Hausbesetzerin, studierte Jus und arbeitete in einer Rechtsberatung für Frauen aus der Türkei - und wurde Opfer eines politischen Attentats. Ein Mann schoss sie und ihre Klientin an. Die Frau verstarb, Ates entging knapp einer Querschnittslähmung. "Meine Nahtoderfahrung bestärkte mich in meiner Spiritualität", sagt sie.

Eigentlich ist Religion für Ates etwas Privates. Wer in ihrer Familie gebetet habe, tat dies auch ohne "Tam Tam". Doch gegen Hassprediger könne man nur ankommen, wenn man ausreichend Liebe predige.

Glückwünsche
und Morddrohungen

Wer in die "Ibn-Rushd-Goethe-Moschee" will, muss auf das Grundstück der Johannisgemeinde im Berliner Bezirk Tiergarten: links vorbei an der evangelischen Kirche - einem roten Backsteinbau mit Rundbögen - und hinein in das kleine Haus dahinter. Eine Küche und einen Konfirmandenraum gibt es hier und im dritten Stock dann die Moschee. Besucher ziehen die Schuhe aus und stellen sie in einem der weißen Regale ab. Der Raum ist hell. Durch drei große Fenster fällt Licht. Der Boden ist mit weißem Teppich ausgelegt, in einer Ecke stehen Blumen.

Seit der Eröffnung sind viele Besucher gekommen, Berliner, Touristen, Journalisten, Moslems, Juden, Christen, Atheisten. Die Gemeinde erhält viele Glückwünsche, aber auch Anfeindungen. Auch Morddrohungen erreichen Ates und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter. "Bald" schrieb Facebook-User Mustafa an Ates und schickte ein Symbolbild mit einer Pistole.

"Das ist keine Moschee und kein islam !!! Das ist irgend ein dreck der von irgend ne Lesbe und irgend ein schwuli gemacht wurde !", tippte User Pablo Serhan auf der Facebook-Seite der "Ibn-Rushd-Goethe-Moschee". "Den Islam so in den Dreck zu ziehen ist das Schlimmste was ein Muslim machen kann", kommentierte Tiffany Denise Eberhard die Eröffnung. "Ich war heute da und fand es super!", schrieb dagegen Mustafa Karabenli.

Ates kommt ein paar Minuten zu spät zum Gespräch mit den Auslandskorrespondenten in Berlin. Sie grüßt herzlich. Dann erkundigt sie sich bei den Organisatoren des Termins: "Kennen Sie alle Menschen hier?" Sie müsse das leider fragen, es gebe neben den Morddrohungen auch Probleme mit dem türkischen Sender "A Haber", der dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nahesteht. "A Haber" erklärte die Moscheebetreiber zu Anhängern von Fethullah Gülen, dem Erzfeind Erdogans.

"Viele Leute haben eine Scheiß-Angst"

Den Kritikern tritt Ates selbstbewusst entgegen. Nein, mit ihrer Moschee wolle sie nicht provozieren. Es gehe ihr um eine theologische, kritisch-historische Auseinandersetzung, um Gleichberechtigung und um Frieden. "Erst wenn es Frieden zwischen den Religionen gibt, gibt es Frieden auf der Welt. Wir wollen zeigen, dass es ein anderes Gesicht des Islam gibt als den Terror."

Immer wieder verweist Ates während des Gesprächs auf die Menschenrechte und auf die deutsche Verfassung und besonders auf den Artikel 3 des Grundgesetzes: "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

"Es gibt weder im Koran noch in den Hadithen einen Hinweis darauf, dass Frauen und Männer nicht gemeinsam beten dürfen oder eine Frau nicht vorbeten darf", sagt Ates. "Männer wollen uns Frauen ausschließen. Das Patriarchat existiert aber nur, weil Frauen dabei mitmachen." Und es seien Männer wie Frauen, die Hassbotschaften an die Betreiber der neuen Moschee schickten.

Rund 25 Mitglieder hat die Moscheegemeinde im Moment, keine große Zahl. "Viele Leute haben eine Scheiß-Angst", sagt Ates. Sie hätten Angst, sich öffentlich zu zeigen, gesehen und fotografiert zu werden. Ates hofft aber, dass die Gemeinde anwächst. Dann allerdings brauche man auch neue Räume.