Berlin/Brüssel/Wien. Bereits seit 1999 ist die Türkei EU-Beitrittskandidat, im Jahr 2005 starteten die Verhandlungen. Von den 35 Kapiteln - sie reichen von Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik über Niederlassungsrecht bis hin zu Grundrechten - ist erst ein einziges abgeschlossen. Von einem sehr langen Weg, der noch zu gehen sei, sprach Angela Merkel im vergangenen Jahr. Mittlerweile wirkt es wie eine unüberwindbare Strecke, und Deutschlands Kanzlerin tat im TV-Duell mit Martin Schulz am Sonntagabend das ihre dazu. "Wenn ich Kanzler werde, werde ich die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU abbrechen", kündigte der SPD-Herausforderer an. Merkel schloss sich kurzerhand an; sie wolle mit den Staats- und Regierungschefs sprechen, "ob wir zu einer gemeinsamen Position kommen können".

Geharnischte Reaktionen aus Ankara ließen nicht lange auf sich warten: "Sie bauen eine Berliner Mauer mit den Steinen des Populismus", warf der türkische Minister für die Beziehungen zur EU, Ömer Celik, am Montag Merkel und Schulz vor. Selbst die Sprecherin von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker reagierte zurückhaltend auf den Vorstoß von Merkel und Schulz. Sie verwies lediglich darauf, dass der Luxemburger die Entwicklungen in der Türkei mit großer Besorgnis verfolge.

Keine Opferrolle für Erdogan

Juncker steht an der Spitze jener, die schon alleine aus taktischen Gründen der Türkei nicht die Türe zur Union zuschlagen möchten. Denn so könnte sich Erdogan in die Opferrolle begeben und behaupten, die EU wolle ein "christlicher Klub" bleiben. Damit könnte sich der türkische Präsident seiner Verantwortung für die "Säuberungswelle", so Erdogans Wortwahl, seit Sommer 2016 entziehen. Zwar beschlossen die EU-Länder bereits im Dezember, die Beitrittsverhandlungen bis auf weiteres nicht auszuweiten. Lange vermieden Merkel und die SPD eine Eskalation der Lage: Als die Türkei den Besuch von Bundestagsabgeordneten bei deutschen Soldaten auf dem Stützpunkt Incirlik untersagte. Als die türkische Regierung vor dem Referendum zur umstrittenen Verfassungsreform Nazi-Vergleiche Richtung Österreich, Deutschland und die Niederlande lancierte. Als der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel verhaftet wurde. Doch mittlerweile sitzen elf Deutsche wegen Terrorverdachts in Haft; einer der beiden am vergangenen Donnerstag Festgenommenen ist inzwischen ohne Auflagen wieder freigelassen worden. Gleichzeitig wirft die Türkei dem jahrzehntelangen Partner vor, dass Deutschland Unterstützern des Putschversuches Schutz gewähre.