Moskau/Brüssel. (czar/is/reu) Von Rukla, einem Städtchen in der Mitte Litauens, sind es an die 150 Kilometer bis Kaliningrad. Orzysz in Ostpolen liegt noch näher an der Grenze zur russischen Exklave. Von der estnischen Stadt Tapa ist es auch nicht weit bis zur Grenze mit Russland. Und dann gibt es auch noch den Stützpunkt in Adazi, ein paar Dutzend Kilometer nordöstlich der lettischen Hauptstadt Riga gelegen. Vier Orte in vier Staaten - sie alle haben gemein, dass dort Nato-Truppen stationiert sind. An die 4000 Mann wurden an den östlichen Rand des Nato-Territoriums geschickt, nicht zuletzt, um ein Signal der Wachsamkeit gegenüber Russland zu senden.

Wenn am kommenden Donnerstag das einwöchige Großmanöver "Sapad 2017" startet, werden damit Nato-Soldaten so nah dran sein wie selten zuvor. Denn erst heuer hat das Militärbündnis die Bataillone entsandt und so auf die Befürchtungen der baltischen Staaten und Polens reagiert, die schon vor der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland vor dessen aggressiver Außenpolitik gewarnt hatten.

"Sapad" kann diese Sorgen nur verstärken. Vor allem die Dimension des Großmanövers, das Russland heuer gemeinsam mit seinem engsten Verbündeten Weißrussland abhält, sorgt im Westen für einige Nervosität. Die Nato schätzt die Zahl der beteiligten Soldaten einschließlich der Luft- und Marinetruppen auf 100.000 - es dürfte Russlands größte Militärübung seit Ende des Kalten Krieges werden.

Nicht nur die Truppenstärke lässt bei den Nato-Partnern die Alarmglocken schrillen. Kremlchef Wladimir Putin lässt an der Grenze zu Osteuropa auch die Erste Gardepanzerarmee aufmarschieren, die schon 1945 beim Berlin-Vormarsch der Roten Armee und 1968 beim Einmarsch der Sowjets zur Niederschlagung des Prager Frühlings als Speerspitze gedient hatte.

Geprobt werden dürfte von 14. bis 20. September unter anderem die strategische Verlegung von Truppen mit Flugzeugen und per Bahn in den Westen. Als Basis dafür dienen mehrere weißrussische Truppenübungsplätze. Auch die rasche Massenmobilisierung der Armee - im Militärjargon "snap exercises" genannt - steht auf der Testliste. Wie bereits vor vier Jahren dürften heuer zudem auch wieder taktische Atomwaffen zu beobachten sein.

Die Erinnerung an "Sapad 2013" löst bei der Nato bis heute ein mulmiges Gefühl aus. Russland war nur ein Jahr danach, 2014, auf der Krim einmarschiert. Die 2013 erprobten Taktiken seien den Militärs dabei zugutegekommen, sagen westliche Experten. Entsprechend aufmerksam wird in Europa und den USA das neue Manöver beobachtet, das sechs Monate vor der Präsidentenwahl in Russland stattfindet, bei der eine Wiederkandidatur Wladimir Putins als sicher gilt.

"Als Russland die Krim eroberte, geschah dies vor dem Hintergrund einer Übung. Auch der Einmarsch in Georgien 2008 war ein Manöver", sagte der Kommandeur der US-Truppen in Europa, Ben Hodges, vor einigen Wochen. "Sapad" könnte sich daher ein weiteres Mal als "Trojanisches Pferd" entpuppen, mahnte er.

Befürchtet wird bei westlichen Militärs noch ein weiteres Szenario: dass nämlich die russische Armee dauerhaft in Weißrussland stationiert bleiben könnte. Polen hat seinen Luftraum an der östlichen Grenze bereits teilweise gesperrt, die Ukraine die Kontrollen an der Grenze zu Weißrussland verstärkt.

Routineübung mit Sprengkraft

Die Moskauer Führung beschwichtigt. "Sapad" diene, wie schon 2013, ausschließlich der Verbesserung der Verteidigung, Angriffsoperationen stünden gar nicht auf der To-do-Liste, wird man im Kreml und an der Militärspitze nicht müde zu betonen. Nato-Botschafter Alexander Gruschko sprach gar von einer "Dämonisierung" des Herbsttrainings durch die westliche Allianz: Jedes Jahr ist ein anderer Militärbezirk des Riesenreichs an der Reihe, dieses Jahr eben wieder der Westen - "Sapad" auf Russisch, erklärte Gruschko.

Washington reagierte dennoch. Die USA stationieren zur Beruhigung und als Vorsichtsmaßnahme für die Dauer von "Sapad" drei Verbände Luftlandetruppen mit bis zu 600 Soldaten in den drei Balten-Staaten. Russland verstoße regelmäßig gegen Abmachungen, man sei daher in höchster Alarmbereitschaft, so General Hodges

Mit seiner Geheimniskrämerei und den unrealistischen Angaben über die geplante Truppenstärke hatte Moskau im Vorfeld auch nicht gerade zur Vertrauensbildung beigetragen. Vor allem die Truppenstärke wurde als unglaubwürdige Propaganda bezeichnet. Russland hatte die Teilnehmerzahl des bilateralen Manövers offiziell mit 12.700 Mann beziffert. Sie liegt damit um 300 Soldaten unter jener Schwelle, ab der nach den Regeln der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ausländischen Beobachtern umfassender Zugang gewährt werden muss. Als Grundlage dient das Wiener Dokument über vertrauensbildende Maßnahmen der OSZE.

Russland gewährte an den Besuchstagen lediglich drei Experten Zutritt, was Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg dazu veranlasste, Russlands Intransparenz öffentlich zu geißeln. Die Nato sehe aber "keine unmittelbare Bedrohung" ihrer Bündnispartner, versicherte der Norweger. Als sicher gilt jedoch, dass das Bündnis gegen eine konventionell vorgetragene russische Offensive im Baltikum allein schon zahlenmäßig chancenlos wäre. Maximal 60 Stunden, schätzt die konservative US-Denkfabrik Rand, bräuchte es, bis die Russen in Riga, Tallinn oder beiden Hauptstädten zugleich stünden.