München. (da/reu/dpa) Ohne ersichtliche Regung verfolgte Beate Zschäpe das Plädoyer, die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn auf die Hände gestützt. Am Wort war am Dienstag Bundesanwalt Herbert Diemer. Nach sieben Prozesstagen, an denen die Oberstaatsanwälte zuvor geschildert hatten, warum sie die Schuld Zschäpes und der vier Mitangeklagten im Prozess um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) in vollem Umfang für erwiesen halten. Zehn Morde, drei Bombenanschläge und 15 bewaffnete Raubüberfälle in den Jahren 1998 bis 2011 werden der Terrororganisation zugerechnet.

Diemer forderte die Höchststrafe, also eine lebenslange Freiheitsstrafe für Zschäpe. Außerdem solle das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststellen und eine anschließende Sicherungsverwahrung anordnen, sagte der Bundesanwalt in seinem Plädoyer vor dem Oberlandesgericht München. Die 42-Jährige habe sich als Mitglied einer terroristischen Vereinigung des zehnfachen Mordes, zahlreicher Mordversuche durch zwei Bombenanschläge sowie mehrerer Raubüberfälle schuldig gemacht, sagte Diemer. Jeder Mord und jeder Bombenanschlag rechtfertige schon für sich allein eine lebenslange Strafe. Insgesamt ließe sich für die von Zschäpe begangenen Taten 14 Mal eine lebenslange Strafe verhängen, dazu kämen verschiedene Einzelstrafen zwischen sechs und neun Jahren Haft, sagte der Ankläger.

Kein kleines Rädchen

Dass Zschäpe die Morde an neun Männern türkischer oder griechischer Abstammung sowie einer Polizistin nicht selbst verübt hatte, sondern die beiden anderen NSU-Haupttäter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, ließ die Bundesanwaltschaft nicht gelten. Böhnhardt und Mundlos hatten sich im Jahr 2011 nach einem missglückten Banküberfall das Leben genommen, Zschäpe hatte das gemeinsame Versteck in Brand gesetzt. "Frau Zschäpe hat sich möglicherweise nie selbst die Finger schmutzig gemacht, sie hat aber alles gewusst und alles mitgetragen", sagte Herbert Diemer.

Die Hauptangeklagte sei dem Bundesanwalt zufolge "ein eiskalt kalkulierender Mensch". Menschenleben hätten bei der Durchsetzung ihrer verbrecherischen Ziele keine Rolle gespielt. Zschäpe zeige "eine Menschen- und Staatsfeindlichkeit, die es unumgänglich macht, die besondere Schwere der Schuld festzustellen". Sie habe in ihren lediglich von ihren Verteidigern verlesenen Erklärungen weder Einsicht noch Reue gezeigt. Hinzu komme eine besondere Gefährlichkeit Zschäpes, was eine Sicherungsverwahrung nach einer Haftstrafe erforderlich mache, so der Bundesanwalt.

Zschäpe dagegen stellte sich im Prozess als kleines Rädchen dar, das immer erst im Nachhinein von den Morden und Anschlägen von Böhnhardt und Mundlos erfahren haben will. Die Taten nahm sie in emotionaler Abhängigkeit von den beiden Männern hin: "Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie", ließ Zschäpe über ihren Anwalt verlautbaren. Diese Version zog Zschäpes Cousin vor Gericht in Zweifel: "Sie hatte die Jungs im Griff." Anhaltspunkte für eine verminderte Schuldfähigkeit Zschäpes infolge einer psychischen Störung sah die Bundesanwaltschaft nicht.

Folgt das Gericht dem Antrag, wäre eine vorzeitige Haftentlassung Zschäpes nach 15 Jahren ausgeschlossen, zu einem späteren Zeitpunkt aber möglich. Mit einem Urteil wird frühestens in einigen Wochen nach den Plädoyers der Nebenkläger und Verteidiger gerechnet.

Fluchtgefahr bei NSU-Helfer

Überraschend nahm Richter Manfred Götzl am Dienstag einen weiteren der Angeklagten zumindest vorläufig in Gewahrsam. Denn die Bundesanwaltschaft forderte für den mutmaßlichen NSU-Unterstützer Andre E. zwölf Jahre Haft. Das Gericht sah aufgrund dieser - für viele unerwartet hohen - Strafforderung nun eine Fluchtgefahr. Bisher sitzen lediglich Zschäpe und der mutmaßliche NSU-Helfer Ralf Wohlleben in Untersuchungshaft. Er soll die Waffe beschafft haben, mit welcher der NSU neun Morde beging, die Anklage forderte zwölf Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord. Für den zweiten Beschaffer der Pistole, Carsten S., forderte die Anklage drei Jahre Jugendhaft. S. hatte als einziger Angeklagter von Anfang an umfassend ausgesagt.