Auch sonst kann der Untergang ein Glück sein. Dass die Industrie in Österreich fast zur Gänze "verstaatlicht" war und lautstark scheiterte, spricht dafür. Das Ende der Industriegesellschaft war ein öffentlicher Schauprozess, der in Deutschland nicht geführt wurde - und nach wie vor verhindert wird.

Deshalb gibt man der Digitalisierung, die eine Superautomation ist und die Routinearbeit von Menschen weitgehend ersetzen wird, den albernen Namen "Industrie 4.0". Ohne die mechanistische Produktionsweise ist also keine Identität vorstellbar. Doch eine Fabriksgesellschaft mit Internetanschluss wird nicht funktionieren. Man macht sich Illusionen. Die wirtschaftliche Stärke Deutschlands baut auf sozialer und kultureller Nostalgie, industriellen Klischees. Das wird nicht halten.

Die Ruhe ist trügerisch

Unter Willy Brandt und Gerhard Schröder wurde mehr über Transformation nachgedacht als in der großen Koalition Angela Merkels. Die Ruhe ist trügerisch. Es braucht tiefe Zweifel, von selbstbewussten Zweiflern. Aber wer lässt schon los, was ihn im Innersten zusammenhält, auch wenn es eine Illusion ist? Nichts ist gefährlicher als die Erfolge von gestern - dieser Satz des Innovationsforschers Erich Staudt, gemünzt auf sein Land, gilt bis heute. Das Quadratisch, Praktisch, Gute hatte seine Zeit. Heute geht es um Neuland, da muss man improvisieren lernen. Perfektionisten sind schlechte Neudenker. Dazu muss man aber erst wissen wollen, wer man ist, und nicht, wer man sein darf. Selbst-Bewusstsein. Lockermachen. Entspannen. Neu anfangen.

Das geht nicht in großen Würfen, nach Masterplan, sondern kleinweise, Stück für Stück, voran, wie Karl Popper uns gelehrt hat. Die offene Gesellschaft hat keinen Bauplan, liebe Deutsche, sie hat keine Vision, keine Utopie, sie wurstelt sich durch. Und wenn sie sich nicht durchwurstelt, ist sie keine offene Gesellschaft mehr.

Die Welt braucht gerade nicht die Verspannten, sondern die Lockeren. Dazu muss man vielleicht über seinen Schatten springen, auch wenn der rechteckig ist. Vielleicht hilft ein echter Karl Kraus dabei: "Hüten wir uns, aus Schaden dumm zu bleiben." Und liebe Österreicher, bevor ihr lacht: Das gilt grenzüberschreitend.

Immer. Und überall.