Barcelona. Kataloniens Regierungschef, Carles Puigdemont, ließ sich mit seiner Erklärung Zeit. Zwischen seiner ersten Erklärung am Montag, nach der Abstimmung vom Sonntag, in der er zum Dialog aufrief, und seiner Erklärung am Mittwochabend, nutzte er die verstrichenen Tage, um international die Deutungshoheit zu gewinnen.

In der verfahrenen Situation zwischen Barcelona und Madrid hatte er nicht gegenüber den katalanischen Medien, nicht gegenüber den spanischen Medien die Bombe platzen lassen, nein, bei einem Interview mit der britischen BBC hatte Puigdemont erklärt, dass Katalonien binnen weniger Tage seine Unabhängigkeit von Spanien deklarieren würde. Seine Regierung werde Ende dieser Woche oder Anfang kommender Woche handeln, so Puigdemont. So konnte er zumindest einmal die Reaktionen austesten. Auch die auflagenstarke deutsche "Bild"-Zeitung bekam ein Interview, in dem Puigdemont erklärte, die spanische Regierung handle wie ein "autoritärer Staat". Damit scheint aber für ihn Schluss zu sein. Denn: "Ich fühle mich bereits jetzt als Präsident eines freien Landes, in dem Millionen Menschen eine wichtige Entscheidung getroffen haben."

Mittwochabend bei seiner Rede an die Nation klang Puigdemont wieder konzilianter. Und das, obwohl sein Koalitionspartner, die CUP, in den Medien schon geschickt lanciert hatte, dass Montag spätestens die Unabhängigkeit erklärt wird - das, was in den spanischen Medien mit der Kürzel "DUI" versehen wird: Declaración Unilateral de Independencia, die einseitige Unabhängigkeitserklärung.

Puigdemont nahm in seiner Rede vor allem Bezug auf die Sager des spanischen Königs Felipe vom Vortag, der die Situation zweifellos verschärft hatte, indem er keine konzilianten Töne angeschlagen hatte, sondern sich klar hinter Madrid gestellt hatte: Es es die Pflicht der "legitimen" Staatsführung, "die verfassungsmäßige Ordnung und das normale Funktionieren der Institutionen sicherzustellen", sagte der König - trotz der dokumentieren Polizeigewalt vom Sonntag. "So nicht", erklärte Puigdemont. "Die Katalanen sind enttäuscht vom König." "Wir hatten auf eine Nachricht zum Dialog gehofft, und auf eine Nachricht des Zusammenlebens." Schließlich sei man doch ein Volk. Trotzdem wiederholte Puigdemont, auch am Mittwoch man sei bereit für eine Mediation.

Am Sonntag stimmten 90 Prozent der Wähler nach Angaben der Regionalregierung für die Abspaltung von Spanien. Die Wahlbeteiligung lag aber nur bei 42 Prozent. Beobachter geben zu bedenken, dass bei der von Madrid verbotenen Abstimmung die Wählerregister nicht transparent genug waren, sodass es zu Mehrfachstimmabgaben gekommen sei. Und dann kommt auch die Kritik, dass 42 Prozent unmöglich ein Quorum sein könne, das für eine so tragreiche Entscheidung wie die der DUI hinreichend sei. Diesen Kritikern hält Puigdemont übrigens vor, dass 42 Prozent der spanischen Bevölkerung in der Vergangenheit genug waren, um über die europäischen Verträge abzustimmen, und dass die spanische Verfassung keine Mindestschwelle für Referenden vorsieht.