Ankara/Washington. Die Märkte reagierten prompt. Der diplomatische Streit zwischen der Türkei und den USA um die Vergabe von Visa ließ die Anleger nervös werden. Der Leitindex der Istanbuler Börse rutsche am Montag um zeitweise 4,7 Prozent auf ein 16-Wochen-Tief ab; der Verfall der türkischen Lira setzte sich fort. So war es denn auch die Wirtschaft in der Türkei, die ihre Politiker dazu aufforderte, den Zwist mit Washington zu beenden. Andernfalls könnten die Beziehungen zwischen beiden Ländern Schaden nehmen, hieß es aus dem Unternehmerverband Tüsiad.

Türkische Geschäftsreisende, aber auch Touristen müssen derzeit nämlich mit Schwierigkeiten rechnen, wenn sie in die USA gelangen wollen. Denn die US-Botschaft hat die Vergabe von Visa vorläufig gestoppt - was die Türkei dazu veranlasste, umgekehrt die Ausstellung von Visa für US-Bürger ebenfalls einzufrieren.

Grund für die Maßnahme der US-Regierung war die Inhaftierung eines türkischen Mitarbeiters des US-Generalkonsulats in Istanbul. Dem Mann wird vorgeworfen, der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fetullah Gülen nahezustehen, den Ankara für den Putschversuch im vergangenen Jahr mitverantwortlich macht. Nun will Washington prüfen, wie weit sich die türkische Regierung "der Sicherheit der US-Botschaft und ihres Personals verpflichtet" fühle.

Justizminister Abdulhamit Gül, der die USA gleichzeitig zum Einlenken aufforderte, verteidigte die Entscheidung zur Festnahme: "Es ist unser Recht, einen türkischen Staatsbürger für ein in der Türkei verübtes Verbrechen vor Gericht zu stellen", erklärte er dem Sender A Haber. Die USA würden unter Berücksichtigung dieser Umstände hoffentlich ihre Einstellung der Visavergabe überdenken.

Die Beziehungen zwischen den beiden Nato-Verbündeten haben sich allerdings schon zuvor verschlechtert. Die amerikanische Unterstützung der kurdischen YPG-Miliz im Kampf gegen die Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien missfällt den Türken. Die Regierung in Ankara betrachtet die YPG nämlich als Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die seit Jahrzehnten im Südosten der Türkei einen Aufstand anführt.

Die USA sind auch nicht der einzige Partner, mit dem die Türkei im Streit ist. Der Zwist mit Deutschland setzt sich ebenfalls fort. Die massenhaften Festnahmen nach dem Putschversuch trafen nämlich auch deutsche Staatsbürger. Mittlerweile verlangt die Staatsanwaltschaft in der Türkei Haftstrafen bis zu 15 Jahren für eine Gruppe von Menschenrechtlern, zu der auch der Deutsche Peter Steudtner zählt. Dies meldete die Nachrichtenagentur Dogan am Sonntag. Später war von einem möglichen Ausmaß von maximal zehn Jahren die Rede. Bei der Regierung in Berlin stieß dies auf scharfe Kritik. Solche Forderungen seien "nicht akzeptabel" und "vollkommen unverständlich", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. "Wir erwarten von der Türkei, dass die deutschen Staatsangehörigen, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen inhaftiert sind, freigelassen werden." Dafür werde man sich mit allen Möglichkeiten und auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen einsetzen.

Aktivisten unter Anklage


Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts sagte, ihr Ministerium habe die Anklageschrift gegen Steudtner noch nicht gesehen. Von den Anwälten gebe es aber die Information, dass dem Menschenrechtsaktivisten sowohl die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wie auch die Unterstützung einer solchen Vereinigung zur Last gelegt werde. Kontakte zur Türkei habe es am gesamten Wochenende auf verschiedenen Ebenen gegeben.

Angeklagt ist eine Gruppe von insgesamt acht Aktivisten, unter denen sich auch ein Schwede und der Vorsitzende der türkischen Sektion von Amnesty International befinden. Sie wurden festgenommen, nachdem sie an einem Workshop zum Thema digitale Sicherheit bei Istanbul teilgenommen hatten.