Hannover/Berlin. (leg) SPD-Kandidat bei einer Wahl zu sein, dürfte im Moment kein angenehmer Job sein. Drei Landtagswahlen hat die deutsche Sozialdemokratie in diesem Jahr verloren. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein musste sie den Posten des Ministerpräsidenten an die CDU abgeben. Der "Schulz-Effekt" war ein Strohfeuer, der Höhenflug der Partei in den Umfragen nach der Übernahme der Kanzlerkandidatur durch Martin Schulz endete in der Bruchlandung bei der Bundestagswahl im September: Nur 20,5 Prozent für die einstmals so mächtige deutsche Sozialdemokratie - das schlechteste Ergebnis der SPD seit dem Krieg. Schulz selbst hatte schon im Wahlkampffinish resigniert: "Ich habe ja nicht den Hauch einer Chance", gestand er während des Wahlkampfs dem deutschen Wochenblatt Spiegel ein.

Auch für Stephan Weil hatte es vor kurzem noch alles andere als erfreulich ausgesehen. Im August noch lag der SPD-Chef und Ministerpräsident von Niedersachsen in Umfragen zwölf Prozent hinter seinem CDU-Herausforderer Bernd Althusmann. Dazu war dem 58-Jährigen gerade die hauchdünne Mehrheit von einer Stimme, die seine rot-grüne Koalition im Landtag absicherte, abhanden gekommen: Die Grüne Elke Twesten war zur CDU gewechselt. Die Folge: Neuwahlen. "Niemand hätte damals auf mich gewettet", sagt Weil.

Heute, kurz vor dem Wahltag am 15. Oktober, werden das wohl schon manche tun. Denn der Vorsprung, den der acht Jahre jüngere Althusmann in den Umfragen hatte, ist dahingeschmolzen. Am Wahltag erwarten Beobachter ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU. In manchen Umfragen hat die Union, in anderen die SPD die Nase knapp vorne. Entsprechend emotional wurde auch das TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten geführt. Neben dem Bildungsthema - auch in Niedersachsen fehlt es an Lehrern - ging es darin wenig überraschend vor allem um Sicherheit und das Thema Ausländer: Althusmann wies auf 20.000 Menschen im Land hin, die abgeschoben gehörten, darunter einige Gefährder. Weil pochte darauf, Niedersachsen habe so viele Menschen abgeschoben wie kein anderes Land. Er setzt außerdem auf seinen populären Innenminister Boris Pistorius.

Dass SPD und CDU sich des Sicherheitsthemas annehmen, liegt auch an der Angst vor einem allzu großen Erstarken der AfD. Bisher sitzt die Alternative für Deutschland ebenso wie die Linke nicht im Landtag. Ganz klassisch stehen sich in Hannover Rot-Grün und Schwarz-Gelb gegenüber. Damit war die Bildung einer Regierung zwischen Nordsee und Harz immer recht einfach. Wie die Mehrheiten, so wechselten auch die Ministerpräsidenten zwischen SPD und CDU. In den 1980ern regierte die CDU, ehe 1990 SPD-Mann Gerhard Schröder Ministerpräsident wurde. Sein Nachfolger Sigmar Gabriel verlor 2003 die Wahl gegen CDU-Mann Christian Wulff, es folgten zehn Jahre CDU-Dominanz, ehe sich abermals die SPD durchsetzte. Eine große Koalition zwischen den beiden Parteien, eine wenigstens für die schwächere Partei sehr ungeliebte Option, gab es dabei nie.

Das könnte sich jetzt jedoch ändern: Denn auch in Niedersachsen könnte der AfD - und eventuell auch den Linken - der Sprung in den Landtag gelingen. Und das, obwohl die Partei derzeit kein vorteilhaftes Bild abgibt: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den AfD-Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel, weil er Parteigeld abgezweigt haben soll. Die Privatwohnung Hampels und die AfD-Landesgeschäftsstelle wurden untersucht. Hampel spricht von einem politischen Missbrauch der Justiz knapp vor der Wahl durch die grüne Justizministerin.

GroKo, Ampel oder Jamaika

Kommen AfD und eventuell auch die Linken in den Landtag, wird die Regierungsbildung jedenfalls deutlich schwerer, als sie bisher war. Neben der ungeliebten Großen Koalition bleiben dann für Niedersachsen nur noch zwei Varianten: Eine Ampelkoalition aus SPD, FDP und den Grünen. Oder das derzeit im Bund diskutierte Jamaika-Bündnis, die Zusammenarbeit von Union, Liberalen und Grünen. Beide Koalitionen dürften nicht sonderlich stabil sein. Der niedersächsische CDU-Generalsekretär Ulf Thiele kann sich die Reise nach Jamaika derzeit jedenfalls kaum vorstellen: Die niedersächsischen Grünen seien der Landesverband, "der bundesweit am weitesten links steht", erklärte er, eine Zusammenarbeit sei "fast unmöglich". Die FDP wiederum sträubt sich gegen ein Bündnis mit SPD und Grünen, deren Landeschef Stefan Birkner erklärt es gar für "ausgeschlossen". Eine Regierung zu bilden, wird nicht leicht werden.