Rom. Während Europa nach dem Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien auf die Entwicklungen in Barcelona blickt, findet am kommenden Sonntag in zwei Regionen Norditaliens ein Referendum über zusätzliche Autonomie statt. In den beiden reichsten Regionen Italiens - Lombardei und Venetien - sind mehr als elf Millionen Bürger dazu aufgerufen, über mehr regionale Kompetenzen abzustimmen. Die Regionalisten in Italien sehen nun ihre Zeit gekommen - die Regionalregierungen betonen aber, dass es bei der Volksbefragung nicht um eine Abspaltung, sondern um eine Ausweitung der Kompetenzen geht. Als Vorbild dienen die Autonomiestatute von Südtirol, Friaul und Sizilien.

"Das Autonomiereferendum? So ein Blödsinn", sagt der aus Venetien stammende Großunternehmer Luciano Benetton, Gründer des gleichnamigen Modeimperiums mit Sitz in Treviso, das mit der Marke "United Colors" international bekannt wurde. Er will von der Volksbefragung in seiner Region nichts wissen. "Mit unseren Kommunikationskampagnen haben wir bereits Anfang der 90er Jahre versucht, ein europäisches Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln. Unser Credo ist ein Europa mit einem einzigen Pass und einer gemeinsamen Währung", betont der 82-Jährige, der auch keine Sympathien für den katalanischen Separatismus hegt.

Hohe Kosten für
keine Verbindlichkeit

Silvio Berlusconi (Forza Italia) (l.) und Matteo Salvini (Lega Nord). - © reu/Rellandini
Silvio Berlusconi (Forza Italia) (l.) und Matteo Salvini (Lega Nord). - © reu/Rellandini

Ähnlich sieht der Textilunternehmer Matteo Marzotto, der unter anderem die Modegruppe Valentino geleitet hat, die Lage. "Italien ist schon klein genug. Es macht wenig Sinn, das Land noch mehr zu verkleinern. Das Autonomie-Referendum kann falsche Erwartungen wecken, wie bereits der Brexit, der zu einer Tragödie für Europa geworden ist", kritisiert Marzotto, der zu den prominentesten Unternehmerfamilien Venetiens gehört. Giulio Sapelli, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Mailänder Universita Statale, bezeichnet das Referendum als "sinnlose Geldverschwendung". Das Referendum habe keine Verbindlichkeit und sei lediglich eine "Waffe" für die politische Propaganda der föderalistisch-orientierten Rechtspartei Lega Nord, Initiatorin des Referendums.

"Ich bin gegen mehr Autonomie. Ich bin für einen Zentralstaat, der von einem Netz starker Kommunen gestützt wird, wie es in Deutschland der Fall ist. Die einzige Autonomie, die in Italien Sinn macht, ist jene in Südtirol, weil dort sprachliche Minderheiten leben. Das Südtiroler Gruber-De-Gasperi-Abkommen ist perfekt und sollte keineswegs geändert werden. Die Autonomie in Regionen wie Friaul, Sardinien und Sizilien hat keinen Sinn und vergrößert nur die Bürokratie."

Mitte-Rechts-Lager
für Autonomie


Unterstützung erhält die rechtspopulistische Lega Nord im Wahlkampf für das Autonomie-Referendum von verbündeten politischen Kräften des Mitte-Rechts-Lagers. Der Chef der konservativen Forza Italia, Silvio Berlusconi, versprach sein "volles Engagement" in den letzten Tagen vor der Volksbefragung. "Mit dem Referendum haben Regionen, die besonders gut verwaltet sind, die Möglichkeit, zu mehr Autonomie zu gelangen. Hier geht es nicht um die Unabhängigkeit von Italien, sondern um eine effizientere Verwaltung", meinte Berlusconi.

"Das ist kein egoistisches Referendum. Mit mehr Autonomie können unsere Steuergelder besser verwendet werden", sagte Renato Brunetta, Forza-Italia-Fraktionschef in der Abgeordnetenkammer. Er appellierte an die Bewohner der Regionen, am Sonntag zu den Urnen zu gehen. Nur mit einer starken Wahlbeteiligung könne man Autonomie-Verhandlungen mit Rom Gewicht verleihen.