Barcelona/Madrid. (wak) Jetzt ist es also so weit. Gegen die Sezession Kataloniens hat sich in Madrid ein breites Bündnis aufgestellt. Die konservative Regierungspartei von Premier Mariano Rajoy, die Sozialisten sowie die liberalen Cuidadanos haben sich darauf geeinigt, bei einer Sitzung am Samstag den Verfassungsartikel 155 zu aktivieren. So soll "das Recht wieder Rückkehr in Katalonien" halten, wie es seit Tagen - etwas blumig - heißt.

Doch was bedeutet das nun? Noch weiß das niemand. Es ist zumindest irgendeine Form des Entzugs der Autonomie des Gebietes.

Aber bisher gilt das Gebot des Schweigens. Zudem, so sind sich Juristen und Politbeobachter einig, ist es von immenser Bedeutung, dass die Regierung in den etwaigen Maßnahmen nicht über das Ziel hinausschießt. Soll heißen: Jede einzelne Maßnahme, jede einzelne Aberkennung eines erstrittenen Rechtes muss sich vor dem Volk haarklein begründen lassen. Zu oft wurde in letzter Zeit von den Kritikern der Zentralregierung die Franco-Diktatur ins Treffen geführt.

Es ist die schwierige Aufgabe, eine konstitutionelle Krise zu lösen, ohne dem Vorwurf, undemokratisch zu sein, neues Wasser auf die Mühlen zu gießen. Apropos demokratisch - nicht nur Premier Rajoy hatte lange Zeit den Ruf des Alleinentscheiders. Einige Kritiker der separatistischen Regierung von Carles Puigdemont sehen auch den Katalanen selbst wie einen Alleinherrscher handeln. "Puigdemont handelt wie ein absolutistischer Monarch. Er sagt: ‚Ich deklariere‘. Und: ‚Ich schiebe auf‘", kritisiert etwa ein Vertreter der Universität von Barcelona gegenüber "El País" die Entscheidungsfindung von Puigdemont in Sachen Unabhängigkeit.

Nun wurde auch Rajoy lange vorgeworfen, dass er nicht "entschieden genug" einschreite, wie es etwa sein Parteifreund und bekannter Hardliner José Maria Aznar sich öffentlich wünschen würde. Rajoy hat vielmehr offenbar gehofft, dass sich eine Lösung finden lasse, wenn man die Sache nur lange genug ignoriert.

Am Freitag ließ Rajoy jedenfalls keine Zweifel daran, dass er allein der Regierung Puigdemont die Schuld für Artikel 155 gebe: "Sie haben mir keine Alternative mehr gelassen."

Nachdem ganz Europa die Bilder der Polizeigewalt am Tag der Abstimmung in Katalonien nicht vergessen hat, muss Rajoy die Angst vor künftiger Gewalt beschwichtigen. Er betonte wenig ermutigend, dass die Maßnahmen des Artikels 155 nicht automatisch mit der Anwendung von Gewalt einhergehen werden.

Regionalwahlen im Jänner

Dem Vernehmen nach will die Zentralregierung für Jänner Regionalwahlen in Katalonien ansetzen. Zudem hält sich das Gerücht, dass Madrid bei katalanischen Medien intervenieren könnte - wohl um den Separatisten ein Sprachrohr zu nehmen. Es bleibt die Frage, wie Katalonien auf den Artikel 155 reagieren wird.

Zuletzt wurde immer wieder beteuert, dass darauf dann aber wirklich die Ausrufung der Unabhängigkeit folgen würde. Katalonien beeilte sich auf einmal am Donnerstag darauf hinzuweisen, dass formal ja die Unabhängigkeit noch gar nicht ausgerufen wurde - es sei bloß die Unabhängigkeitserklärung unterschrieben worden, deren Wirkung ja von Puigdemont aufgehoben wurde.

Am Montag will das Plenum des katalanischen Parlaments einmal mehr über die Deklaration der Unabhängigkeit beraten.

Die separatistischen Organisationen ANC (Asamblea Nacional Catalana) und Omnium Cultural, deren Anführer derzeit in U-Haft sitzen, haben unterdessen in der Nacht auf Freitag zu einem Bank-Run aufgerufen: Ihre Anhänger sollten bei den fünf größten Banken ihr Geld beheben, um die Freilassung von Jordi Sànchez und Jordi Cuixart mittels "pazifistischer Direktaktion" zu erzwingen. Der Aufruf in den sozialen Medien ging allerdings ins Leere. Laut BBVA, CaixaBank, Santander, Sabadell und Bankinter lief der Tag normal ab, Insidern zufolge waren die Folgen des Aurufs "gegen null".