Ankara. Hunderte türkische Akademiker sollen offenbar wegen "Terrorpropaganda" vor Gericht gestellt werden. Medienberichten zufolge ist der Grund dafür, dass sie vergangenes Jahr einen Aufruf für Frieden in den Kurdengebieten unterzeichneten.

Laut NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" wurde dabei auch einigen in Deutschland lebenden Türken eine Anklageschrift zugestellt. In dem Schreiben heißt es dem Bericht zufolge, der "sogenannte Friedens-Aufruf" trage den "Charakter der offenen Propaganda für die Terrororganisation PKK". Der zuständige Oberstaatsanwalt werfe den Unterzeichnern vor, sie hätten zum Ziel gehabt, den türkischen Staat als "illegitime, zerstörende Kraft" und als "verbrecherisch" darzustellen sowie Gewalt durch die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu legitimieren, heißt es weiter. "Terror-Propaganda" kann in der Türkei mit bis zu siebeneinhalb Jahren Haft bestraft werden.

In dem Appell hatten insgesamt 1128 Akademiker das harte Vorgehen der türkischen Sicherheitskräfte in türkischen Kurdengebieten Ende 2015 als "Vernichtungs- und Vertreibungspolitik" bezeichnet. Rund einhundert der nun angeklagten Akademiker leben dem Bericht zufolge in Deutschland.

Deren Strafverfolgung könnte die deutsch-türkischen Beziehungen erneut belasten. Nach der Freilassung des in der Türkei inhaftierten Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner vor wenigen Tagen waren Hoffnungen laut geworden, dies könne der Anfang einer Entspannung sein.

In der Türkei sind weiterhin mehrere Deutsche offenbar aus politischen Motiven inhaftiert, unter ihnen der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel sowie die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu.

Indes ist am Montag ein Massenprozess gegen 221 mutmaßliche Beteiligte des gescheiterten Militärputsches vom Juli 2016 fortgesetzt worden. Den Angeklagten, unter ihnen 26 Generäle, wird unter anderem die Mitgliedschaft in einer "Terrororganisation" und ein versuchter Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung vorgeworfen. Der Prozess hatte im Mai begonnen. In den ersten vier Wochen kamen laut der Nachrichtenagentur Anadolu 56 Angeklagte zu Wort.

Unter den Angeklagten, aber nicht beim Prozess anwesend, ist auch der islamische Prediger Fethullah Gülen, den die türkische Regierung für den Putsch verantwortlich macht. Gülen lebt seit Jahren im Exil in den USA und bestreitet jede Beteiligung. Den Angeklagten drohen lebenslange Haftstrafen.

Beim gescheiterten Putschversuch gegen Staatschef Recep Tayyip Erdogan starben mehr als 250 Menschen. Seither wurden mehr als 50.000 Menschen inhaftiert. Mehr als 140.000 Beschäftigte wurden entlassen.