Karlsruhe. (leg) Vanja ist weder Frau noch Mann. Laut einer Chromosomenanalyse verfügt sie - sie? - über einen atypischen Chromosomensatz und gehört zur Gruppe der Intersexuellen. Das sind - im Gegensatz zu den Transsexuellen, die eine eindeutige Geschlechtsidentität besitzen, sich aber subjektiv dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen - Menschen, die sich genetisch, hormonell oder anatomisch nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.

Seit 2014 kämpfte die ursprünglich als Frau eingetragene Vanja dafür, ihren Eintrag auf "inter/divers" ändern zu lassen - bis zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe wurde aufgrund der Rechtslage gegen Vanja entschieden. Nun hat das Verfassungsgericht der Beschwerde der Klägerin stattgegeben. Personen, die sich dauerhaft weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen lassen, würden in ihren Grundrechten verletzt, heißt es in dem Spruch.

Spruch mit Folgen


Bis Ende 2018 muss der Gesetzgeber eine Regelung schaffen, die es intersexuellen Menschen ermöglicht, ihre Identität "positiv", so der Spruch, eintragen zu lassen. Bisher gab es in Deutschland nur die "negative" Option, nach der Geburt eines Kindes kein Geschlecht in die Urkunde einzutragen. Alternativ könnte der Gesetzgeber ganz auf einen Eintrag des Geschlechts verzichten. In Österreich gibt es die Möglichkeit eines Personenstandsregistereintrags abseits von "weiblich" oder "männlich" nicht.

Der Spruch der Karlsruher Richter hat weitreichende Folgen: Wenn es in amtlichen Registern außer "m" für männlich und "f" für weiblich noch eine dritte Kategorie gibt, muss mehr als nur das Personenstandsgesetz geändert werden. Beobachter weisen darauf hin, dass die Rechtsordnung, auch die "Ehe für alle", auf dem binären Gegensatz von Mann und Frau aufgebaut ist. Die Süddeutsche Zeitung begrüßte das und sprach von einer "Revolution".

16 Verbände befragt


Die Richter hatten zu der Frage Stellungnahmen von 16 Verbänden eingeholt. Für die Möglichkeit, ein drittes Geschlecht wählen zu können, plädierten neben dem Deutschen Ethikrat auch das Deutsche Institut für Menschenrechte, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung und die Deutsche Gesellschaft für Psychologie.

Gegen solch einen Eintrag sprachen sich das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sowie der Bundesverband der Deutschen Standesbeamten aus.