Berlin. Mit politischen Krisen kennt sich Wolfgang Schäuble gut aus. Als Chef der Eurogruppe hatte der ehemalige deutsche Finanzminister monatelang über einen Rettungsplan für das hochverschuldete Griechenland verhandelt, in den nervenaufreibenden und oft bis tief in die Nacht dauernden Sitzungen ging es zumeist um alles oder nichts.

Entsprechend abgeklärt sieht der nunmehrige Bundestagspräsident daher auch das Scheitern der Jamaika-Verhandlungen am Wochenende und die jetzt fieberhaft angelaufene Suche nach einem möglichen Ausweg. "Die Aufgabe ist groß, aber sie ist lösbar", erklärte der CDU-Politiker bei der Eröffnung der ersten Bundestagssitzung nach dessen Konstituierung. "Es ist eine Bewährungsprobe, aber es ist keine Staatskrise."

Ähnlich wie Schäuble, der in seiner Eröffnungsrede vor den Abgeordneten vor allem zu mehr Kompromissbereitschaft aufrief, sieht das auch die Mehrheit der Deutschen. So bedauern laut einer Blitzumfrage des ARD-Deutschlandtrends 57 Prozent der Bürger, dass sich das Jamaika-Experiment am Ende doch nicht ausgegangen ist. Allzugroße Zukunftsängste sind damit aber nicht verbunden. Laut einer anderen Erhebung, die das Instituts Civey für die "Wirtschaftswoche" durchgeführt hat, gehen 55 Prozent der Befragten sogar davon aus, dass das Platzen der Jamaika-Verhandlungen überhaupt keine wirtschaftlichen Folgen haben wird. Negative Auswirkungen des absehbaren Machtvakuums erwarten hingegen nur knapp 25 Prozent, sehr negative Folgen werden überhaupt nur von drei Prozent der Umfrageteilnehmer befürchtet.

Mit ihrem Optimismus stehen die Bürger in deutlichem Gegensatz zur deutschen Wirtschaft. Denn dass der deutsche Konjunkturaufschwung plötzlich abrupt zu Ende geht, glauben zwar auch die Volkswirte und Spitzenmanager nicht. Doch die Sorge, dass die Verunsicherung nach dem Jamaika-Ende einen Dämpfer für Investitionen bedeuten könnte, ist ebenso unüberhörbar.

Doch auch wenn die Deutschen noch immer positiv in die Zukunft blicken, sind sie dennoch in der Frage gespalten, wie es nun in den kommenden Wochen und Monaten weitergehen soll. Laut einer Forsa-Umfrage sprechen sich nach dem Platzen der Sondierungsgespräche zwar knapp 45 Prozent für einen erneuten Urnengang aus. Zählt man aber die Befürworter einer großen Koalition (27 Prozent) und einer Minderheitsregierung (24 Prozent) zusammen, kommt man allerdings auf einen ähnlich hohen Wert. Für Neuwahlen sind dabei am häufigsten Anhänger der AfD und der FDP, während eine große Koalition vor allem bei CDU-Sympathisanten Anklang findet. Eine Minderheitsregierung, die für Deutschland ein Novum wäre, finden dagegen vor allem Grün-Wähler gut.