Den Haag. Die großen Tage des Jugoslawien-Tribunals in Den Haag (ICTY) erkennt man daran, dass die ersten Demonstranten schon vor dem Licht kommen. Natürlich gilt dasselbe für die Kamera-Teams, die, noch ehe der Tag anbricht, Positionen einnehmen und ihre Beleuchtung setzen. Und natürlich darf Fikret Alic nicht fehlen: In dicker Winterjacke und schwarzer Mütze steht er da im Wind und raucht, und wie immer hat er unter der Jacke dieses Titelbild des "Time Magazine", das ihn im August 1992 weltberühmt machte. 22 war er da, bis auf die Knochen abgemagert, und schaut durch den Stacheldraht des Konzentrationslagers Trnopolje.

Ratko Mladic feiert sich im Gerichtssaal. - © apf/Dejong
Ratko Mladic feiert sich im Gerichtssaal. - © apf/Dejong

Wie oft er in den letzten Jahren den Weg nah Den Haag angetreten hat, weiß Alic nicht mehr. Klar ist nur, dass es diesen Mittwoch das letzte Mal gewesen sein dürfte. Jenen Tag, an dem das Urteil gegen Ratko Mladic gesprochen wurde.

Als Fikret Alic in Trnopolje geschunden wurde, war Mladic Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee - später wurde er einer der prominentesten Angeklagten in der 24-jährigen Geschichte des UNO-Tribunals für Ex-Jugoslawien. Bei der Urteilsverkündung wollte Alic dabei sein. 32 Stunden lang ist der Bosnier mit dem Bus unterwegs, in der Nacht erreicht er Den Haag.

Knapp fünf Stunden später erreicht die Spannung im Gericht ihren Höhepunkt. Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, als Alphons Orie, der Vorsitzende Richter der dritten Kammer des Tribunals, zur Verkündigung des Urteils gegen Mladic ansetzt. Fast könnte man sich jetzt Glockenschläge vorstellen, doch eine völlige Stille liegt im Saal, bis Orie die Anklagepunkte einzeln durchgeht. Zehnmal sagt er "schuldig", einmal "nicht schuldig". Er zählt die Verbrechen akribisch auf: Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord, Geiselnahme von UN-Personal, Terror, Angriffe auf Zivilisten - "einige der schlimmsten Verbrechen, die die Menschheit kennt", meint Orie mit ernster Miene. Kurz darauf wird Mladic, der Oberkommandant der bosnisch-serbischen Truppen zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Der Ex-General selbst befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits "in einem Raum mit einem Sofa, wo er den weiteren Verlauf verfolgen kann". So hat der Richter den Ort beschrieben, an den er den Angeklagten kurz zuvor verbannte. Den Beginn der Urteilsverkündung verfolgte Mladic, schwarzer Anzug, rote Krawatte, noch stoisch, mit unbeteiligtem Gesichtsausdruck, höchstens mit einem Finger, der sich ab und an wie abwesend durchs Gesicht strich.