Eine knappe Woche zuvor hatte Premierministerin Theresa May angekündigt, sie werde den 29. März 2019 als exaktes Datum des EU-Austritts gesetzlich festschreiben lassen. 15 konservative Abgeordnete, die eine mögliche Rebellion gegen diesen taktisch fragwürdigen Schritt signalisierten, wurden auf der Titelseite des einst seriös konservativen "Daily Telegraph" als "Brexit-Meuterer" zur Schau gestellt.

Man vergleiche dazu den Fall des konservativen Parlamentariers John Redwood, der in seiner Kolumne für die "Financial Times" offen davon abriet, in Großbritannien zu investieren, weil die "Wirtschaft im UK auf die Bremse steigt". Redwood, der Abgeordnete des wohlhabenden südenglischen Wahlkreises Wokingham und als solcher einer der glühendsten Verfechter eines "No Deal"-Brexit, schrieb dies in seiner Nebenfunktion als globaler Chefstratege der Investitionsberater Charles Stanley.

Die Ökonomin Frances Coppola zeigte diesen akuten Interessenkonflikt in einem Artikel für "Forbes" auf, bezichtigte Redwood des mutwilligen "Desaster-Kapitalismus" und forderte seinen Rücktritt. Dem britischen Medienmainstream war die dubiose Doppelrolle eines Parlamentariers, der sein Land unter patriotischen Parolen aus mutmaßlich spekulativem Interesse in die Bredouille treibt, allerdings kaum eine Erwähnung wert. Immerhin scheint Redwood sich mit den Konsequenzen des harten Brexit, den er anstrebt, zu beschäftigen. Offenbar im Unterschied zu Brexit-Minister David Davis, der behauptet hatte, er habe 58 Studien über die in verschiedenen Wirtschaftsbereichen zu erwartenden Auswirkungen in der Lade liegen. Erst hieß es, der Inhalt jener Studien sei aus verhandlungstaktischen Gründen streng geheim, dann setzte das Unterhaus auf Drängen Labours deren Veröffentlichung durch.

Studien existierten nicht

Da musste Davis gestehen, dass die sagenumwobenen Studien gar nicht existierten. Wozu auch, schließlich ist der Brexit eine Glaubensfrage. Wie sonst erklärt sich die Bereitschaft eines großen Teils der - systematisch desinformierten - britischen Bevölkerung, die Verhandlungen mit der EU zu ihrem eigenen schweren Schaden mutwillig platzen zu lassen - selbstverständlich ohne die volksmündlich als "Scheidungsgeld" bezeichneten Ausstände an die EU zu bezahlen?

Die im Falle von "No Deal" unausweichliche harte irisch-nordirische Grenze samt allen daraus folgenden Konsequenzen für den dortigen Friedensprozess bietet den Briten eine willkommene Gelegenheit zur Wiederentdeckung alter kolonialer Dominanzgebärden. Vergangenen Mittwoch riet etwa ein Leitartikel in der "Sun" dem "naiven jungen" irischen Premier Leo Varadkar, "sein Maul zu halten und erwachsen zu werden". Am Donnerstag wiederum empörte man sich darüber, dass die EU die Bewerbungen fünf britischer Städte zur europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2023 abgelehnt hatte, weil Großbritannien bis dahin den europäischen Wirtschaftsraum verlassen haben wird. "Zorn braust auf", schrieb die "Daily Mail". Die Warnungen der Airbus-Managerin Katherine Bennett vor einem parlamentarischen Ausschuss, dass der in transkontinentale Produktionswege integrierte Standort des Flugzeugherstellers in Broughton in Nordwales mit seinen 7000 Arbeitsplätzen den Brexit nicht überleben könnte, schafften es dagegen nicht einmal in die Abendnachrichten.