Den Haag. (apa) Das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien (ICTY) in Den Haag schließt diese Woche seine Arbeit ab. Die Abschiedszeremonie ist für den morgigen Donnerstag geplant. Im Laufe der 24 Jahre währenden Tätigkeit wurden 161 Anklagen erhoben. Unter die Lupe hatten die Tribunalsermittler Staats- und Regierungschefs, höchste Militärführer, Innenminister und hohe Polizeibeamte genommen. Untersucht wurden Kriegsverbrechen, die in der Zeitspanne zwischen 1991 und 2001 in Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Mazedonien und im Kosovo verübt wurden.

Das erste Urteil war jenes gegen Drazen Erdemovic im November 1996. Dies war gleichzeitig auch der erste Prozess wegen der Ereignisse im Umfeld des Massakers von Srebrenica. Von bosnisch-serbischen Truppen waren im Juli 1995 in der Umgebung der damaligen UNO-Schutzzone rund 8000 bosniakische Männer und Burschen ermordet worden. Die Leichen wurden in zahlreichen Massengräbern entdeckt.

Slobodan Milosevic, damals Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien, war 1999 der erste amtierende Staatschef, der wegen Kriegsverbrechen angeklagt wurde. Zwei Jahre später, als er nicht mehr im Amt war, erfolgte seine Überstellung an das Tribunal. Diese Entscheidung von Premier Zoran Djindjic führte zu einer schweren politischen Krise in Serbien. Der Prozess gegen Milosevic wurde jedoch nicht abgeschlossen. Der Angeklagte starb 2006 in seiner Zelle an Herzversagen.

Eine erste Anklage wegen Völkermordes in Srebrenica wurde im August 2001 gegen den bosnisch-serbischen Ex-General Radislav Krstic erhoben. Er wurde zu 35 Jahren Haft verurteilt, aber nicht wegen des Völkermordes.

Dafür hatten sich später mehrere andere bosnisch-serbische Offiziere zu verantworten. Sechs, darunter zuletzt in erster Instanz der Hauptverantwortliche, Ratko Mladic, Militärchef der bosnischen Serben (1992-95), erhielten lebenslange Haftstrafen.

Tausende Prozesstage

Der einstige Zivilchef der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, erhielt 40 Jahre Haft. Sowohl Karadzic wie auch Mladic wurden nach mehrjähriger Flucht und starkem internationalen Druck auf Belgrad 2008 beziehungsweise 2011 in Serbien festgenommen.

Über die Berufung von Karadzic wie auch von Mladic wird allerdings bereits der Nachfolge-Mechanismus des Tribunals entscheiden. Dieser internationale Gerichtshof wurde von der UNO im Jahr 2010 mit dem Ziel geschaffen, die Arbeit der Kriegsverbrechertribunale für Jugoslawien und Ruanda zu unterstützen und abzuschließen. Außerdem hatte das Gericht in Vorbereitung auf seine Schließung 13 Anklagen an die zuständigen Behörden in Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kroatien übertragen.

In Den Haag wurden insgesamt fast 11.000 Prozesstage abgehalten, das Tribunalsarchiv enthält hunderttausende Beweisunterlagen. Die letzte Urteilsverkündung jene für sechs bosnische Kroaten, des Tribunals fand am 1. Dezember statt. Einer der Verurteilten, der einstige Befehlshaber des Kroatischen Verteidigungsrates, Slobodan Praljak, nahm unmittelbar danach im Gerichtssaal Gift ein und starb kurz darauf im Spital.

Die Urteile des Tribunals trafen immer wieder auf Kritik in den Balkanstaaten. Sie wurden von einigen als feindselig gegenüber dem eigenen Volk empfunden. Immerhin hätten serbische Angeklagte 1024,5 Jahre Haft erhalten, kroatische weit weniger, zählten Belgrader Medien auf.