Ankara. Schon seit Tagen droht die türkische Führung mit einer Offensive gegen die syrischen Kurden. In der Nacht auf Freitag mit massivem Beschuss kurdischer Dörfer in der syrischen Grenzregion Afrin begonnen. Doch die Grenze überschritten hat die türkische Armee noch nicht. Denn eine Konfrontation mit den Kurden in der syrischen Region Afrin würde die Türkei nicht nur in Konflikt mit ihrem NATO-Partner USA bringen, sondern auch das neue Bündnis mit Russland gefährden.

Einige Beobachter bezweifeln daher, dass Ankara mehr als eine symbolische Intervention wagen wird. "Erdogan droht seit einem Jahr mindestens ein Mal die Woche, nach Syrien einzudringen", sagt Aaron Stein vom Politikinstitut Atlantic Council. Dieses Mal sei es zwar anders, da die Drohungen deutlich spezifischer seien. Er glaube daher schon, dass Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Drohung wahr machen werde, sagt Stein, "aber das Ausmaß der Operation bleibt unklar."

Truppen an der Grenze

Seit Montag bekräftigt der türkische Staatschef fast täglich, dass die türkische Armee "jederzeit bereit" sei, einen Einsatz gegen die Hochburgen der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) in Afrin und Manbij zu starten. Auch die türkischen Medien berichten täglich über neue Militärkonvois, die Verstärkung an die Grenze bringen.

Mit dem Aufmarsch reagierte Ankara auf die Pläne der USA, eine 30.000 Mann starke "Grenzschutztruppe" in Nordsyrien aus kurdischen und arabischen Kämpfern aufzubauen. Die Ankündigung hat nicht nur in Damaskus, sondern auch in Ankara wütende Reaktionen provoziert. Er werde keine "Terrorarmee" an seiner Grenze dulden, drohte Erdogan, und die neue Truppe "im Keim ersticken".

Türkei sieht YPG als "Terrororganisation"

Die Türkei läuft schon seit Jahren Sturm gegen die US-Unterstützung für die kurdische PYD und ihren militärischen Arm, die Volksverteidigungseinheiten (YPG). Für Ankara ist die PYD nichts anderes als der syrische Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die im Südosten Anatoliens seit Jahrzehnten einen blutigen Kampf gegen den türkischen Staat führt.

Es mache keinen Sinn, eine "Terrororganisation" gegen eine andere zu unterstützen, kritisiert Ankara immer wieder. Doch die US-Regierung bleibt unbeirrt, denn sie schätzt die YPG als schlagkräftigen Verbündeten im Kampf gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Auch nach deren Niederlage will Washington ganz offensichtlich an dem umstrittenen Bündnis festhalten.

Es sei kaum vorstellbar, dass Erdogan nun nichts unternehme, so "lautstark und nachdrücklich" wie seine Drohungen waren, sagt Aron Lund vom US-Politikinstitut Century Foundation. Auch die US-Armee werde eine Intervention kaum verhindern können, schließlich sei sie für den Kampf gegen die IS-Miliz in Syrien und habe kein Mandat, sich in einen anderen Konflikt einzumischen.

Konflikt mit Moskau

Trotzdem bleibt ein großes Hindernis für eine türkische Intervention in Afrin. Denn die Kurden sind nicht nur mit den USA verbündet, sondern unterhalten auch gute Beziehungen zu Russland. Die Türken könnten zwar in Syrien ohne grünes Licht aus Moskau einmarschieren, sagt Stein. Doch würde dies das Ende der Kooperation mit Russland zur Beilegung des Konflikts bedeuten.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hat denn auch anerkannt, dass es notwendig sei, sich mit Russland abzusprechen, um Zwischenfälle zwischen türkischen und russischen Kampfflugzeugen in Afrin zu vermeiden. Am Donnerstag reisten daher der türkische Generalstabschef Hulusi Akar und Geheimdienstchef Hasan Fidan zu Gesprächen nach Moskau.

Der türkische Militärexperte Metin Gürcan hält eine türkische Offensive für "unwahrscheinlich", solange Russland nicht den Luftraum über Afrin freigibt und seine dort stationierten Soldaten abzieht. "Wird Ankara wagen, Afrin anzugreifen ohne grünes Licht aus Russland? Für mich ist die Antwort klar nein", sagt der Kolumnist für das Webmagazin "Al-Monitor".