Nun haben die radikalen Parteien wie der Rechte Sektor bei den Wahlen nach der Maidan-Revolution aber sehr schwach abgeschnitten. Warum soll das dann eine faschistische Regierung sein?

Diese Kräfte haben aber auf der Straße dort weiterhin eine gewisse Macht, und das sorgt dafür, dass die Meinungsfreiheit sehr stark beeinträchtigt ist. Ich kenne auch genug Leute dort.

In Kiew?

In dem Gebiet, das jetzt als Ukraine gilt.

Tun Sie sich schwer mit dem Wort Ukraine als Staatsbezeichnung?

Sagen wir so: Das jetzige Staatsgebiet der Ukraine ist historisch sehr schwer nachvollziehbar. Was auf jeden Fall nicht zur Ukraine gehört, ist die Krim und das Gebiet, das wir jetzt als Neurussland definieren, nämlich die Volksrepubliken von Lugansk und Donezk.

Warum?

Weil diese Gebiete einen Teil der Russischen Welt darstellen, und die ist eben größer als Russland. Das heißt, es gibt Staaten, die souverän sind und trotzdem Teil der Russischen Welt.

Wie weit reicht denn die Russische Welt?

Die umfasst einige Staaten der Ex-Sowjetunion, die heute souverän sind. Und diese Souveränität gilt es auch zu achten. Es ist in der Ukraine auch nie etwas geschehen, was die Souveränität des ukrainischen Staates in irgendeiner Weise angetastet hätte.

Wirklich? Und die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass? War das keine Verletzung der territorialen Integrität der Ukraine?

Die Krim ist durch einen völlig nachvollziehbaren Prozess im Sinne des Völkerrechts abgespaltet worden, über ein Referendum. Der Donbass ist einfach eine Region, die für sich Autonomie beansprucht. Russland hat weder Völkerrecht gebrochen noch einen Staat zerlegt. Das war die Entscheidung der Leute vor Ort.

Russland präsentiert sich heute als konservativer Gegenentwurf zum westlichen, wie es heißt: dekadenten Europa. Ist Russland das?

Ich glaube, dass Russland historisch gesehen die Nachfolgeorganisation des Byzantinischen Reiches ist. Russland wurde von Beginn an als ein christlicher Staat konzipiert, der aber eine große Toleranz gegenüber allen religiösen, ideologischen und ethnischen Minderheiten hat. Europa hat keine wirkliche Leitkultur oder Leitideologie, außer vielleicht den Liberalismus heute.

Ist das so schlimm?

Ich glaube, dass so ein System auf Dauer keine Zukunft hat, weil es den Entwicklungen der Zeit nichts entgegenzusetzen hat. Es ist den Migrationsströmen und radikalen Ideologien nicht gewachsen und kann sehr stark von diesen Entwicklungen beeinflusst und sogar zerstört werden.

Ist die Behauptung, Russland wäre ein christlicher Staat, nicht sehr romantisierend? Manche behaupten, Russlands Kern wäre eher der Gazprom-Konzern und ein wenig romantisches, kleptokratisches Machtsystem, das sich nur christlich drapiert.

Es hängt viel von der Liebe zur Russischen Kultur ab, das gebe ich schon zu. Aber wir müssen auch die geopolitische Rolle des Landes heute beleuchten. Russland hat massiv wieder die Weltbühne betreten durch das Eingreifen in Syrien, wo es für die syrische Staatlichkeit eingetreten ist und somit einen weiteren Regime-Change verhindert hat, wie wir es in Nordafrika erlebt haben. Russland ist eben auch auf der ideologischen Grundlage eines Alexander Dugin die Eurasische Wirtschaftsunion und auch weitere politische Bündnisse eingegangen, die eben im Osten eine Achse fernab von Nato- und EU-Strukturen aufbauen. Und Russland strebt eben genau das an, was Dugin will, nämlich eine multipolare Welt. Dass es außer Washington und vielleicht noch Brüssel noch weitere Machtzentren gibt im russischen Denken, nämlich Moskau, Peking, Teheran und auch andere. Das ist, glaube ich, sehr wichtig, dass die Welt nicht so monopolar wird und nur von einer einzigen Zentrale aus gesteuert wird.

Und Russland will nicht auch monopolar die Welt dominieren?

Eben nicht, das sehen wir ja auch. Es ist ja nicht so, dass wir hier in Europa nach einem russischen Kulturmodell leben. Wir leben nach einem amerikanischen Kulturmodell. Russland hat sich nicht erweitert nach Westen, die Nato hat sich nach Osten erweitert. Dass sich jetzt Russland neue Partner sucht, ist völlig klar und nachvollziehbar.