Berlin. Alle Augen in Deutschland sind auf das Willy-Brandt-Haus gerichtet: In der SPD-Parteizentrale im Berliner Stadtbezirk Kreuzberg werden am Wochenende 120 Freiwillige die Tausenden von Stimmzetteln auszählen, die bis Freitagabend per Post dort eingegangen sein müssen.

Am Sonntag - vermutlich früher Nachmittag - wird das Ergebnis des sozialdemokratischen Mitgliedervotums bekannt gegeben: "Groko" Ja oder Nein?

Bei Ablehnung einer Großen Koalition könnte es Neuwahlen geben 

463.723 Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sind seit voriger Woche aufgerufen, darüber abzustimmen, ob die SPD den mit Christdemokraten (CDU) und Christsozialen (CSU) Anfang Februar ausgehandelten Koalitionsvertrag unterschreiben soll. Stimmen sie zu, bekommt Europas größte Volkswirtschaft mehr als 160 Tage nach der Bundestagswahl vom September endlich eine neue Regierung. Lehnen sie ab, könnte es Neuwahlen geben.

Noch nie war eine Regierungsbildung so langwierig in Deutschland. Schon nach der Parlamentswahl 2013 hatte die SPD die Zustimmung ihrer Mitglieder zur Großen Koalition ("Groko") erbeten. Damals stimmten knapp 76 Prozent mit "Ja", und noch vor Weihnachten wurde CDU-Chefin Angela Merkel im Bundestag für eine dritte Amtszeit zur Kanzlerin gewählt. Dass dieses Jahr eine neue Regierung im günstigen Fall erst kurz vor Ostern steht, liegt vor allem daran, dass die SPD die "Groko" eigentlich auf keinen Fall fortsetzen wollte.

"Jamaika"-Koalition gescheitert

Bei der Wahl am 24. September war die SPD auf 20,5 Prozent abgestürzt, ihr schlechtestes Bundestagsergebnis aller Zeiten. Sie wollte deshalb in die Opposition gehen. Merkel begann Gespräche mit FDP (Liberale) und Grünen über eine sogenannte "Jamaika"-Koalition. Diese scheiterten im November, unter anderem an zu großen Gegensätzen zwischen FDP und Grünen. Nach Konsultationen beim deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, einem aus der SPD kommenden Politiker, zeigte sich die SPD-Führung allmählich dann doch zu Gesprächen mit Merkel bereit. Ein Sonderparteitag am 21. Jänner gab Grünes Licht für Koalitionsverhandlungen - mit mageren 56,4 Prozent.

Bei verschiedenen Regionalkonferenzen hat die Parteiführung daher kräftig die Werbetrommel gerührt. Fraktionschefin Andrea Nahles, die neue starke Frau der Partei, befand, dass die SPD für Pensionisten, Arbeitnehmer, Familien und Pflegebedürftige viele Verbesserungen im Vertragsentwurf verankert habe. Der frühere Parteichef Rudolf Scharping warnte, eine Neuwahl wäre "ein lebensgefährliches Risiko für die SPD". Altbundeskanzler Gerhard Schröder tat schon vorige Woche kund, dass er seine Stimme für die Große Koalition abgegeben habe.

Junge gegen Große Koalition

Es sind vor allem junge Parteimitglieder, die gegen eine Neuauflage von "Schwarz-Rot" mobil machen. An der Spitze der "No GroKo"-Kampagne steht der Chef der Jungsozialisten, Kevin Kühnert. Er kritisiert unter anderem, dass der Koalitionsvertrag keine Maßnahmen gegen die "krass ungleiche" Vermögensentwicklung in Deutschland enthalte. Die Partei müsse selbstbewusster auftreten und dürfe keine Angst vor Neuwahlen haben, meint Kühnert.

In den Meinungsumfragen ging es für die SPD weiter bergab. Das INSA-Institut verortete sie vorige Woche mit 15,5 Prozent sogar knapp hinter der rechtspopulistischen AfD. Angesichts solcher Werte gärt und brodelt es an der Basis. Niemand vermag zu sagen, was ein negatives Votum für Folgen hätte.

Schon in den vergangenen Wochen ging es in der SPD drunter und drüber. Der gescheiterte Kanzlerkandidat Martin Schulz warf als Parteichef das Handtuch, Nahles stellt sich bei einem Parteitag am 22. April als Nachfolgerin zur Wahl. Gerne wäre der frühere EU-Parlamentspräsident deutscher Außenminister geworden, doch nach viel Kritik aus den eigenen Reihen verzichtet Schulz auf jedes Regierungsamt.

Scholz als Finanzminister?

Unklar ist auch das politische Schicksal des geschäftsführenden Außenministers Sigmar Gabriel. Der frühere SPD-Chef würde gerne Chefdiplomat bleiben, aber die Genossen werden ihn wohl nicht lassen. Nach Schulz' Rücktritt wird die Partei kommissarisch von SPD-Vize Olaf Scholz geführt. Der bisherige Hamburger Bürgermeister ist als neuer Finanzminister im Gespräch. Es gilt als einer der größten Verhandlungserfolge der Sozialdemokraten, dass sie dieses wichtige, bisher von der CDU geführte Ministerium nun selber besetzen dürfen.