Die Krim als zentrale Handlung der dritten Amtszeit: Vieles deutet darauf hin, dass das auch im Kreml so gesehen wird. So ist es kein Zufall, dass die Präsidentschaftswahlen ausgerechnet am vierten Jahrestag der Krim-Annexion, dem 18. März, abgehalten werden. Eine Zäsur für Russland, die nicht überschätzt werden kann, glaubt auch der Historiker Sergej Medwedew: "Eine Wende, die so ohrenbetäubend, unerwartet und folgenreich war, dass man sie durchaus mit dem Zerfall der Sowjetunion vergleichen kann", schreibt er in seinem Buch "Chronik der dritten Amtszeit". Ein Ereignis, das die russische Gesellschaft zumindest kurzzeitig konsolidiert, sie zugleich aber auch international isoliert hat.

Künstler in Ungnade

Auch für Jelena Gremina war das Jahr 2014 ein Einschnitt. Die 61-Jährige mit dem dunklen Wuschelkopf leitet teatr.doc, eine Kleinbühne in der Moskauer Innenstadt. In ihren dokumentarischen Stücken setzen sich die Theatermacher kritisch mit der Kreml-Politik auseinander. Gerade wird ein Stück über den Geheimdienst FSB vorbereitet, auf dem Spielplan stehen Werke über den Krieg in der Ostukraine, über Homophobie in Russland oder "Berlusputin", eine Burleske, in der Ärzte ein Frankenstein-Geschöpf aus dem italienischen Ex-Premier Silvio Berlusconi und Präsident Putin erschaffen.

In der dritten Amtszeit Putins wurde die Kulturszene von einer "konservativen Wende" erfasst, sagt Gremina. Das bekam auch die Kleinbühne zu spüren: Als Ende 2014 im Theater eine Dokumentation über die Ukraine gezeigt wurde, stürmten Sonderkräfte der Polizei das Theater. Beim Staat ist das Theater seither in Ungnade gefallen. Es erhält keine staatlichen Förderungen mehr und muss immer wieder umziehen, weil die Behörden Druck auf die Vermieter machen. "Sie haben gedacht, sie können uns die Spielstätte wegnehmen, und dann werden wir den Laden dichtmachen", berichtet Gremina. "Da haben sie sich aber getäuscht."

Inzwischen hat sich die Lage wieder etwas beruhigt und teatr.doc hat seit mehr als zwei Jahren wieder eine fixe Spielstätte. Doch bei politisch-brisanten Stücken kommen heute weniger Zuseher als früher. "Die Menschen haben Angst," meint Gremina. "Was ja auch verständlich ist, denn heutzutage kann man sogar schon für einen Tweet eingesperrt werden."

Doch längst nicht alle Russen sind so politisch wie die mutigen Theatermacher. Sich lieber ganz aus der Politik raushalten - das war lange Zeit das Lebensmotto von Alexander Jelisejew. Damit ist der Mittvierziger mit der bulligen Gestalt und dem ansteckenden Lachen bisher auch ganz gut gefahren: Vor zehn Jahren ist er mit seiner Frau aus Samara, einer Stadt nahe der kasachischen Grenze, nach Moskau gezogen. Heute arbeitet er als Anwalt in einem Unternehmen, das Öl verschifft. Das Ehepaar hat sich eine Wohnung mit Blick in einen grünen Innenhof, elf Kilometer Luftlinie vom Kreml entfernt, gekauft. Abends gehen sie gerne in das irische Pub um die Ecke, zwei Mal im Jahr machen sie Städtetrips nach Wien, Amsterdam oder Prag.

Rekordwert an Protesten

Jelisejew war die längste Zeit seines Lebens der Meinung, Opposition sei etwas für Hitzköpfe. In seinem Alter sollte man eher "dem konservativen Lager angehören", wie er sagt. Das änderte sich im vergangenen Jahr, als der Moskauer Bürgermeister bekanntgab, in der Stadt 8000 Häuser abzureißen und 1,6 Millionen Moskauern eine neue Wohnung zu beschaffen. Was eigentlich als Wahlgeschenk vor den Bürgermeisterwahlen gedacht war, sorgte für einen Sturm der Entrüstung. Auch das Haus von Jelisejew sollte abgetragen werden. Mit Nachbarn organisierte er einen Protest und marschierte mit 20.000 anderen Moskauern durch die Innenstadt. Stolz zeigt er heute auf seinem Handy Fotos von den Protesten. Der Widerstand hat Wirkung gezeigt: Zumindest Jelisejews Haus wurde aus den Abrissplänen gestrichen.