London. (ast) Es geht um nichts weniger als die Frage, ob das Referendum zum Austritt Großbritanniens aus der EU und damit der Brexit selbst gültig sind.

Der Skandal um die Datensammel-Aktivitäten der britischen Beratungsfirma Cambridge Analytica zieht Kreise bis in die höchsten Reihen der britischen Regierung. Fraglich ist, ob Politiker und Berater Theresa Mays von dem Umstand wussten, dass die Pro-Brexit-Kampagne "VoteLeave" laut einem Whistleblower unrechtmäßig handelte, indem es seine finanzielle Obergrenze überschritt, um eine große Anzahl von Online-Anzeigen kurz vor dem EU-Referendum zu schalten und das Wahlergebnis so zu beeinflussen.

Shamir Sanni, der selbst überzeugter EU-Gegner ist, engagierte sich vor dem Referendum als Freiwilliger für die Austrittskampagne. Er erzählte dem "Observer", dass neben "VoteLeave" eine Art Abzweiger für das jugendliche liberale Publikum gegründet wurde: "BeLeave". Rein formal ein unabhängiges Unternehmen, laut dem Informanten Sanni stand man jedoch durchwegs in direkter Verbindung zur "Mutterorganisation", um die Ausgaben-Obergrenze zu umgehen. Beide Kampagnen hatten ihre Büros im selben Gebäude und sollen ihre Aktivitäten eng aufeinander abgestimmt haben.

Wieder Facebook-Daten

In Großbritannien existiert für politische Kampagnen eine finanzielle Obergrenze. "VoteLeave" soll diese widerrechtlich umgangen haben, indem die Organisation umgerechnet 712.230 Euro "BeLeave" zukommen ließ, damit diese sie der kanadischen Digital-Werbefirma Aggregate IQ übermittele. Das Unternehmen war damals interessanterweise eine Art Abteilung des Unternehmens Cambridge Analytica, das wiederum im US-Präsidentschaftswahlkampf für Donald Trump tätig war - mittels der unrechtmäßig verwendeten Daten von 50 Millionen Facebook-Nutzern in den USA - wie sich kürzlich herausstellte. Aggregate IQ dementiert hingegen jegliche Verbindungen zu Cambridge Analytica.

Ob diese Praktiken auch in Großbritannien bei der Brexit-Kampagne zur Anwendung kamen, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen der britischen Wahlkommission und der Datenschutzbehörde. Der Cambridge Analytica-Whistleblower Christopher Wylie sagt, dass Aggregate IQ Zugang zu Facebook-Daten hatte.

Spitzenpolitiker involviert

Der operative Chef von "VoteLeave" war damals Stephen Parkinson - heutiger Chefberater der Premierministerin Theresa May. Unter den Politikern war es vor allem der heutige Außenminister Boris Johnson, der als regelrechter Scharfmacher der Pro-Brexit-Kampagne agierte. Er war laut dem Informanten oft gesehener Gast im Hauptquartier der Kampagne. Alle genannten Verdächtigen, wie May selbst, weisen bislang alle Anschuldigungen zurück. May stellte sich auch hinter ihren Berater Parkinson.

Die Affäre sorgt für Empörung im Land. Die Lobbygruppe "Best for Britain", die für einen Verbleib des Königreichs in der EU eintritt, schreibt nun einen Brief an May. Sie fordert eine umfassende Untersuchung der Vorwürfe Sannis.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg erteilte den Briten nun einen Korb. Er will wegen des Datenskandals nicht vor einem britischen Parlamentsausschuss aussagen, Stellvertreter würden Rede und Antwort stehen, teilte das Internet-Netzwerk am Dienstag mit.