Budapest. Es wird still am anderen Ende der Telefonleitung. Dann sagt die Ungarin: "Seit ich hier bin, merke ich jedes Jahr, wie gut es war, dass ich weggezogen bin. Alle Freunde aus meiner Generation wollen weg." Sie lebt in Norddeutschland, faktisch als politischer Flüchtling aus dem Land, das seit 2010 vom Rechtspopulisten Viktor Orbán regiert wird, der bei der Wahl am Sonntag für weitere vier Jahre eine Mehrheit bekommen dürfte. Die heute 35-Jährige zog 2012 weg, weil ihr Arbeitsplatz verschwand: Die liberale Schule, an der sie unterrichtet hatte, war der rechtsnationalen Verwaltung ein Dorn im Auge und wurde aufgelöst. Die Frau, die auch in Deutschland als Lehrerin arbeitet, will ihren Namen nicht veröffentlicht sehen, ebenso wenig wie den ihres Herkunftsorts. Sie hat Angst, dass ihre in Ungarn lebenden Eltern aufgrund der regierungskritischen Tochter Schwierigkeiten bekommen.

Arbeitslos nach Schließung einer liberalen Schule

Es kursieren viele Geschichten über einfache Ungarn, die beruflich kaltgestellt wurden, weil sie die Regierung kritisierten. Auch gebe es Fälle von einer Art Sippenhaft für deren Familien. Oppositionspolitiker befürchten, dass dieses Klima die aktuelle Auswanderungswelle fördern werde. Knapp zehn Millionen Menschen leben in Ungarn. Weitere 410.000 Ungarn lebten 2016 laut der EU-Statistikbehörde Eurostat in den anderen Unionsländern; Frankreich und Spanien nicht mitgezählt. Das waren um 100.000 Personen mehr als 2014 und viermal so viele wie um die Jahrtausendwende. Andere Quellen sprechen von 300.000 bis 500.000 Ungarn, die seit 2010 das Land verlassen haben.

Irén Gödri vom Statistikamt in Budapest legte 2017 Jahr eine Studie vor, der zufolge rund 680.000 Ungarn im Alter von 14 und 40 Jahren von Auswanderung träumen, 380.000 hätten dazu bereits konkrete Pläne.

Die Lehrerin aus Norddeutschland kannte das Klima der Angstwährend des Kommunismus nur aus Berichten. "Jetzt merke ich, dass es so wird, wie ich es erzählt bekommen habe." Eine der ersten Zielscheiben der Orbán-Regierung für ideologische Reformen nach 2010 war das Schulwesen. Lehrbücher wurden vereinheitlicht, den Pädagogen wurden gängelnde bürokratische Pflichten auferlegt. Zwei liberale Schulen wurden 2011 berühmt dafür, dass die Lehrer, Schüler und Eltern versucht haben, sich diesem Kurs zu widersetzen: das Eva-Janikovszky-Gymnasium in Budapest und das Toldi-Gymnasium im südungarischen Kaposvár. In beiden Schulen war die musische Erziehung Schwerpunkt, eigenständiges Denken gehörte zum Lehrstoff, erzählt Hilda Wolf Csongovai.

Die heute 54-jährige Pädagogin aus Kaposvár war Wortführerin der Proteste gegen die Schließung des Toldi-Gymnasiums. 2012 zog Csongovai nach Israel, denn in Ungarn verlor sie ihren Arbeitsplatz: Sie hatte an einem EU-geförderten Forschungsprojekt über Konflikte zwischen Schülern mitgearbeitet. Nach 2010 seien alle acht mit diesem Projekt befassten Spezialisten entlassen und durch ungelerntes Personal ersetzt worden. Jetzt kümmert sich Csongovai um Problem-Jugendliche am Roten Meer. Karrieretechnisch ist es jedoch ein Rückschritt: "Weil ich noch nicht gut genug Hebräisch kann, bleibe ich hier weit hinter meinem Entfaltungspotenzial zurück."

Rassismus nennt Maria Varga als Grund für ihr Exil. Die 50-jährige Roma-Frau lebt seit 2011 mit Mann und drei Kindern in London. Sie arbeitet als Putzfrau, ihr Mann als Koch. Eine Rückkehr nach Ungarn schließt Varga aus: "Was sollen denn die Kinder dort? Sie kennen dieses Land doch gar nicht mehr." War auch das Materielle ein Grund für die Auswanderung? "In Budapest hatte ich in reichen Haushalten geputzt, ich verdiente dort bis zu 10.000 Forint (etwa 33 Euro) pro Tag, mir ging es gut. Aber ich hatte die Nase voll davon, dass meine Kinder ständig auf der Straße als Zigeuner beschimpft wurden."

Bürokratische Hürden
bei der Stimmabgabe

Ungarn gelten anders als die Nachbarvölker als wenig mobil, gute Jobs sind eher kein Grund für einen Umzug, nicht einmal innerhalb des eigenen Landes. Nach 2000 bis etwa 2007 stieg der Anteil der Auswanderer aus Ungarn von knapp einem Prozent der Bevölkerung auf knapp zwei Prozent. In Polen stieg der Anteil von einem Prozent auf vier Prozent. Spitzenreiter waren die Rumänen, bei ihnen kletterte der Anstieg von zwei auf zehn Prozent der Bevölkerung.

Die seit 2010 Ausgewanderten dürften Orbán am Sonntag kaum ihre Stimme geben. Sie helfen dem Premier jedoch unfreiwillig, indem sie Devisen in die Heimat schicken, wo ihre Angehörigen mit dem Geld die Wirtschaft ankurbeln. Den Urnengang der Auswanderer hat die Regierung jedoch bürokratisch erschwert. Doch von dieser Tatsache lässt sich die norddeutsche Lehrerin nicht abschrecken: Sie plant einen Ausflug zur Urne in der ungarischen Botschaft in Berlin. Hilda Wolf Csongovai wiederum will zur Stimmabgabe nach Tel Aviv reisen. Fast 300 Kilometer durch die Wüste.