Nuuk. (dpa) Wenn Grönländer zum Arzt gehen, brauchen sie oft einen Dolmetscher. Nicht, weil sie kein Grönländisch sprechen, sondern weil Arztbesuche, Behördengänge, fast das ganze öffentliche Leben der riesigen Arktisinsel auf Dänisch stattfinden. Grönland ist Teil des dänischen Königreichs - doch eigentlich haben die Dänen seit fast zehn Jahren nur noch in der Außen- und Verteidigungspolitik das Sagen.

Im Alltag fühlt sich das für viele Grönländer noch anders an. Eine Mehrheit meint deshalb: Grönland muss unabhängig werden.

Am Dienstag wird auf der größten Insel der Welt ein neues Parlament gewählt. Dabei stimmen die Grönländer indirekt auch darüber ab, wie schnell diese Unabhängigkeit kommen soll. Denn alle ernst zu nehmenden Parteien wollen sie - die Frage ist aber, wann und um welchen Preis.

Geopolitisch heißes Pflaster

Klar ist, dass Grönland es alleine kaum schaffen wird. Hier leben gerade einmal 56.000 Menschen. Straßen gibt es zwischen den Siedlungen nicht, von Städten kann man ohnehin kaum sprechen. Geld verdienen die Grönländer vor allem in der Fischindustrie. Die Hälfte des Haushaltsvolumens, umgerechnet rund 500 Millionen Euro, schießt Dänemark jedes Jahr zu. Dieses Geld würde wegfallen, sollte Grönland die Nabelschnur kappen, betont Dänemarks Regierungschef Lars Lökke Rasmussen gern.

Hoffnung gibt den Grönländern paradoxerweise die Klimaerwärmung. Denn nicht zuletzt wegen ihr wird die Insel geopolitisch ein immer heißeres Pflaster. Im schmelzenden Arktiseis sollen riesige Rohstoffvorkommen schlummern: Öl, Uran, Seltene Erden. Das weckt internationales Interesse, das Grönland auf dem Weg in die Selbständigkeit den entscheidenden Schub geben könnte. Derzeit steckten die meisten Erkundungsprojekte noch in den Kinderschuhen, sagt Ulrik Pram Gad, Grönland-Experte der dänischen Universität Aalborg und ehemaliger Abteilungsleiter in der grönländischen Regierung. "Aber sie könnten den Weg für große Bergbauvorhaben ebnen, die eine wesentliche Rolle in der nationalen Wirtschaft spielen würden. Doch damit das klappt, brauchen wir chinesische Investoren."

Die stehen bereits in den Startlöchern: So besitzt der chinesische Rohstoffriese Shenghe Resources Anteile an der australischen Greenland Minerals & Energy (GME), die in Südgrönland nach Seltenen Erden und Uran graben darf. Angeblich haben die Chinesen die Option, 60 Prozent an GME zu übernehmen, sobald die Mine in Kuannersuisut etwas abwirft. Am Zitronenfjord im Norden ist eine Zinkmine geplant, an der ebenfalls Chinesen beteiligt sind. Und eine weitere chinesische Firma hat Rechte an einer möglichen Eisenerzmine im Westen.