Wien. Es war an einem Septembertag, am Ende der verfassungsgebenden Versammlung des Jahres 1787 in Philadelphia, als eine Frau Powell Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der USA fragte: "Nun, Doktor, was haben wir jetzt also, eine Republik oder eine Monarchie?" Der vielfach begabte Franklin war Schriftsteller, Verleger, Schriftsteller, Naturwissenschafter, Erfinder und Staatsmann und antwortete in einer Weise, die diesen Moment für die Nachwelt festzuhalten vermochte: "Eine Republik, wenn Sie imstande sein werden, sie zu erhalten!"

Für das Jahr 2018 gilt das Zitat Benjamin Franklins ebenso wie für das Jahr 1787. Die Republik - sie braucht das stetige Engagement der Bürger, braucht die aktiven Citoyens, die sich am politischen Prozess beteiligen, die Institutionen aktionsfähig erhalten und am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Und sie braucht vor allem Bürgerinnen und Bürger, die an die Demokratie glauben.

Aber: "Es ist seltsam mit der Demokratie: Jeder scheint sich danach zu sehnen, aber keiner glaubt mehr daran", schreibt der belgische Autor und Historiker David Van Reybrouck in seinem vieldiskutierten Buch "Gegen Wahlen - Warum Abstimmen nicht demokratisch ist". Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Parlamente, Regierungen und politische Parteien ist auf einem historischen Tiefstand: "Es scheint, dass man der Idee Demokratie zwar gewogen ist, aber nicht deren Praxis oder zumindest nicht der heutigen Praxis", schreibt Van Reybrouck in seinem Buch.

Es findet derzeit eine Revolte mit dem Stimmzettel statt

In den Ländern des Westens findet eine Revolte mit dem Stimmzettel statt. Immer mehr Wählerinnen und Wähler stimmen für Politiker, die versprechen, das System der liberalen Demokratie zu zerstören. Viktor Orbán ist einer der Vertreter dieser Spezies. Er schwadroniert stolz über eine "illiberale Demokratie", mithilfe seines Netzwerks an Günstlingen und Oligarchen hat er mittels Übernahmen und Zeitungsschließungen dafür gesorgt, dass es in Ungarn kaum mehr regierungskritische Presseorgane gibt. Seine Herrschaftsinstrumente sind Angst, Antisemitismus und Xenophobie.

Die beiden Harvard-Professoren Steven Levitsky und Daniel Ziblatt warnen in ihrem vor wenigen Wochen erschienen Buch "How Democracies Die" davor, dass "die Demokratie nicht von Generälen, sondern von Präsidenten oder Premierministern umgebracht werden könnte, die genau jenen Prozess, der diese an die Macht gebracht hat, unterminieren". Levitsky und Ziblatt verweisen auf Beispiele wie Hugo Chávez in Venezuela und Viktor Orbán in Ungarn, sie nennen die Philippinen, Polen oder die Türkei. "Die Erosion der Demokratie geschieht für die meisten Bürger so gut wie unmerklich", schreiben Levitsky und Ziblatt. Jüngster Fall: Jair Bolsonaro, der neo-nationalistische brasilianische Präsidentschaftskandidat und frühere Hauptmann in der Armee. Er könnte bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober Nummer eins werden. In seinen Reden lässt er immer wieder seinen geringen Respekt vor demokratischen Prozessen durchblicken.