Sarajevo/Wien. (czar/apa) Der Park im Zentrum Sarajevos ist geräumt. Vor wenigen Wochen noch campierten dort in Zelten hunderte Flüchtlinge, aus Afghanistan, Pakistan, Syrien. Doch mittlerweile wurden die Menschen woanders untergebracht, in einem Lager in Mostar, im Süden Bosnien-Herzegowinas und im Nordwesten des Landes. Allerdings verzeichnet der Balkanstaat immer neue Ankünfte - und deren Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen. Nach Angaben des Flüchtlingshochkommissariats UNHCR, das bei der Erstellung seiner Statistiken mit den jeweiligen Ländern zusammenarbeitet, gelangten bis Ende Mai gut 5100 Menschen nach Bosnien-Herzegowina. Im Vorjahr waren es rund 750 Migranten.

Das lässt andere Länder schon vor einer neuen Balkanroute warnen. In erster Linie ist es Österreich, das mehr Maßnahmen gegen illegale Migration verlangt - mit Verweis darauf, dass die Schließung der Fluchtroute über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn nach Westeuropa zur Eindämmung der Flüchtlingskrise 2015 geführt hatte.

Die Regierung in Wien sieht es daher weiterhin als Priorität an, den Schutz der EU-Außengrenzen zu verstärken. Sie hat dieses Ziel auch zu einem Schwerpunkt des EU-Vorsitzes gemacht, den Österreich im Juli übernimmt. Innenminister Herbert Kickl hat aber jetzt schon klargemacht, dass "im Fall der Fälle" die Grenzen zu Österreich geschlossen würden. Denn eine Situation wie 2015, als hunderttausende Menschen von Griechenland und Italien aus quer durch Südosteuropa nach Österreich und vor allem Deutschland zogen, dürfe sich nicht wiederholen. Dass sich das derzeit aber sowieso nicht abzeichnet, räumen freilich neben Migrationsexperten sogar Politiker ein.

Dennoch setzt Wien - wie vor zwei, drei Jahren - beim Grenzschutz erneut auf die Kooperation mit den südosteuropäischen Staaten. Daher wollte Kickl gestern, Donnerstag, zu einem entsprechenden Treffen nach Sarajevo reisen, wo er mit Kollegen aus Albanien, Griechenland, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien zusammenkommen sollte. Probleme mit der Flugverbindung hielten ihn allerdings davon ab.

Austausch von Informationen

Schon am Vortag hatten einander die Polizeichefs aus den Ländern entlang der Balkan-Migrationsroute in der slowenischen Stadt Brdo getroffen, um eine bessere Zusammenarbeit zu vereinbaren. "Wir haben die Lage genau analysiert", berichtete Österreichs Vertreter, Franz Lang, der Austria Presseagentur. Demnach hielten sich aktuell rund 80.000 Migranten in der Region auf. Sie würden weiterhin das Ziel haben, nach Westeuropa zu gelangen. Um rascher Lagebilder entwickeln zu können, soll nun ein gemeinsames Monitoringsystem geschaffen werden, erklärte der Direktor des Bundeskriminalamts. Außerdem sei die Etablierung internationaler Ermittlungsteams geplant. "Wir müssen Strukturermittlungen gegen Schlepper beginnen", betonte Lang.

In Sarajevo vereinbarten die Minister dann die Einrichtung einer biometrischen Datenbank zur besseren Erfassung der Migranten. Diese solle mit EU-Systemen kompatibel sein.

In Bosnien-Herzegowina selbst haben Regierungsvertreter noch einen anderen Wunsch: festzulegen, wo die Migrationsbewegungen aufgehalten werden sollen. Dass dies aber nicht allen gefallen würde, ist für Sicherheitsminister Dragan Mektic offensichtlich. "Wenn wir sagen, dass sich dieser Punkt zwischen Griechenland und Albanien befindet, nehme ich an, dass Griechenland nicht zufrieden sein wird", meinte er gegenüber der Tageszeitung "Oslobodjenje". Er sei auch nicht sicher, dass sich alle Staaten entlang der Balkanroute "ehrlich, korrekt und professionell" verhalten würden. Mektic spielte auf die Registrierung der Ankommenden an.

Tatsächlich können die Zahlen verwirren. Prozentuell betrachtet mag es im Vergleich zum Vorjahr nach einem deutlichen Anstieg von Ankünften aussehen. Dennoch bewegen sich diese in Europa auf einem moderaten Niveau, worauf UNHCR hinweist. Nach Griechenland, von wo die Menschen weiterreisen möchten, gelangten heuer etwas mehr als 11.000 Migranten über das Mittelmeer. 2017 waren es gut 7000 Menschen - aber zwei Jahre davor hunderttausende Flüchtlinge.

Für Länder wie Bosnien-Herzegowina kann die Unterbringung tausender Migranten dennoch eine Herausforderung sein. Daher sollten andere Staaten laut UNHCR da ihre Unterstützung anbieten: bei der Versorgung der Menschen.