London. Wo, rätselten die Briten gestern, war Außenminister Boris Johnson? Irgendwo in Staatsgeschäften unterwegs in der weiten Welt, erklärte Regierungschefin Theresa May. "Aus Sicherheitsgründen" könne man den Aufenthaltsort nicht enthüllen, hieß es Montagmittag im Foreign Office. Später trat der Minister händeschüttelnd in Afghanistan in Erscheinung. Spötter meinten, Johnson habe sich in Kabul vor seinen Wählern in Sicherheit bringen müssen - weil er sie schmählich verraten habe.

In der Nacht von Montag auf Dienstag nämlich hatte das Parlament eine folgenschwere wie heikle Entscheidung zu treffen: Und zwar, ob Londons Großflughafen Heathrow um eine dritte Start- und Landebahn erweitert werden soll. Für Premierministerin May, die den Ausbau als unerlässlich betrachtet, ging es um "unsere Zukunft als globales Britannien", um den entscheidenden Schritt einer "stolzen Handelsnation" in der Post-Brexit-Ära.

Von Regierungsmitgliedern wurde erwartet, dass sie den Schritt mit May gingen. Deshalb war vorige Woche Handels-Staatssekretär Greg Hands zurückgetreten, da sich sein Wahlkreis in einer Einflugschneise befindet - und er seinen Wählern versprochen hatte, gegen den Ausbau zu stimmen.

Außenminister Johnson aber, der sich in der gleichen Lage befand, wollte nicht an seine früheren Äußerungen erinnert werden. Denn Johnson ist nicht nur ein alter Gegner des Ausbaus. Er hatte als Londoner Bürgermeister sogar für einen neuen Alternativ-Airport östlich von London, das Projekt "Boris Island", plädiert. Den West-Londonern hatte er versprochen, er würde sich notfalls "vor die Bulldozer legen", falls diese zur Räumung anrückten. Kein Wunder, dass ein Abgeordneter aus dem liberalen Lager, Tom Brake, jetzt darum bettelte, man möge ihm "den Schlüssel zum Bulldozer" geben. Auch Parteikollegen forderten Johnson zum Rücktritt auf. Der aber ließ verlauten, ein Rücktritt bringe "absolut nichts". Und überhaupt könne er sich nicht vorstellen, dass diese dritte Piste je gebaut werde. Gefragt, ob die Regierungschefin den Chef des Foreign Office noch immer für einen "Ehrenmann" halte, antwortete Mays Sprecher "Ja" - aber eher zähneknirschend.

May hatte selbst, lange vor Brexit, gegen den Ausbau Stellung bezogen. Inzwischen hält sie, wie ihre Parteigänger, das dritte Rollfeld für dringend nötig. Auch viele Labour-Leute, die großen Gewerkschaften und mächtige Industrie haben Partei für den Ausbau ergriffen. Einig ist man sich in London darin, dass Europas größter Flughafen längst aus allen Nähten platzt und überfordert ist.

Nur eine große Drehscheibe mit Verbindungsflügen aus dem ganzen Land, argumentieren die Befürworter, könne das Langstreckennetz garantieren, das eine Insel-Nation brauche, um im internationalen Geschäft zu bestehen. Baue man Heathrow nicht aus, könne man gleich einpacken. Dann wandere der Flugverkehr zu Konkurrenz ins Ausland ab.

Geplant ist nun, die Kapazität Heathrows von 480.000 Flügen auf 740.000 Flüge im Jahr und von 85 Millionen Passagieren auf 130 Millionen zu steigern. Vom Bau einer 3500 Meter langen dritten Startbahn, im Nordwesten der bisherigen beiden Rollfelder, und von dem neuen Güter- und Passagieraufkommen verspricht man sich zudem 120.000 bis 180.000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Allerdings müssten wichtige Autobahnstränge untertunnelt werden. 900 Häuser - zwei kleine Ortschaften - müssten plattgewalzt werden. Und allein für Lärmschutz-Maßnahmen im dicht besiedelten Einfluggebiet wären Milliarden Pfund erforderlich. Ganz abgesehen von Folgekosten für die nötigen Verkehrsverbindungen, von drohenden Umweltschäden und von der wackeligen Finanzlage Heathrows, das schon jetzt schwer verschuldet ist.

Wütende Proteste und Prozesse haben die Anwohner angekündigt. Was eine 50-prozentige Steigerung des Passagieraufkommens für den Autoverkehr vor Ort bedeuten würde, ist abzusehen. Grüne Verbände prophezeien, dass Großbritannien seine im Pariser Klimaschutz-Abkommen gegebenen Verpflichtungen nicht werde einhalten können. London hofft, dass das neue Rollfeld in acht Jahren betriebsbereit ist.