Berlin/München/Wien. Kein anderer Politiker genießt in den Reihen der deutschen Konservativen so großes Ansehen wie Wolfgang Schäuble. Wenn sich CDU und CSU dieser Tage schon auf nichts anderes einigen können, dann darauf. Und wenn selbst der Bundestagspräsident sagt, die Unionsparteien stünden "am Abgrund", spricht das Bände über das Zerwürfnis zwischen den sogenannten Schwesterparteien.

Innenminister und CSU-Chef Horst Seehofer war bereits absprungbereit, als er in der Nacht auf Montag seinen Rücktritt von beiden Ämtern ankündigte. Dann rissen ihn seine Christsozialen zurück. Und am Montag trat Seehofer von sich aus ein paar Schritte von der politischen Klippe zurück. Er gab eine Frist bis Mittwoch aus. Bis zu seinem 69. Geburtstag sollen sich CDU und CSU einigen.

Gelegenheit zur Aussprache gab es bereits am Montag mehrfach: Erst trafen die Bundestagsabgeordneten von CDU und CSU zusammen. Und zwar wieder gemeinsam, wie es in einer Fraktion üblich ist - aber zuletzt nicht mehr war. "Der Wunsch, das zu lösen, ist groß", sagte Kanzlerin Angela Merkel in der Sitzung. Auf diese folgte ein Sechs-Augen-Gespräch zwischen Merkel, Seehofer und Schäuble. Danach kam es zum Gipfel im Kanzleramt, bei dem CDU und CSU mit je mit acht Personen vertreten waren; darunter für die CDU neben Merkel ihre Vertraute, Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer. Seehofer brachte beispielsweise Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder mit. Schließlich trat am späten Abend der Koalitionsausschuss zwischen CDU, CSU und SPD zusammen, den die Sozialdemokraten eingefordert hatten.

Merkel überrumpelte CSU

"Mein Optimismus war vorgestern größer", sagte SPD-Chefin Andrea Nahles auf die Frage, ob sie zuversichtlich sei, dass CDU und CSU ihren Streit über die Flüchtlingspolitik beenden könnten. Denn in der Sache bleibt die CSU weiterhin unnachgiebig. Sie will Personen, die bereits in einem anderen EU-Land einen Asylantrag gestellt haben, dorthin abschieben. Merkel verweist auf ihre Erfolge beim EU-Gipfel in der vergangenen Woche. Sie schuf sogleich Fakten, indem sie öffentlich erklärte, ihre Verhandlungsergebnisse seien mehr als wirkungsgleich mit den Vorschlägen der CSU. Die Bayern fühlten sich daraufhin überrumpelt. Zusätzlich holte sich Merkel Rückendeckung durch den CDU-Vorstand: "Einseitige Zurückweisungen wären das falsche Signal an unsere europäischen Gesprächspartner", heißt es in einer Erklärung, der sich lediglich der Thüringer Parteivorsitzende Mike Mohring enthielt.