London. Noch lebt die Hoffnung, dass Großbritanniens Austritt aus der EU geordnet erfolgen wird. Um ein für beide Seiten akzeptables Abkommen wird seit Monaten gerungen. Bisher konnten sich EU-Chefverhandler Michel Barnier und der britische Brexit-Minister Dominic Raab bei 80 bis 85 Prozent der Kapitel einigen. Doch einige zentrale Knackpunkte sind noch immer ungelöst, die Positionen festgefahren. Vor allem den von London gewünschten gemeinsamen Binnenmarkt, ohne jedoch Personenfreizügigkeit zu gewähren, lehnt die Europäische Union bisher kategorisch ab. Die Zeit, doch noch eine Kompromissformel zu finden, wird knapp. Um das Abkommen noch rechtzeitig vor dem Austrittsdatum am 29. März 2019 ratifizieren zu können, ist eine Einigung bis November nötig. Anschließend müssen noch das EU- als auch das britische Parlament darüber abstimmen. Ein EU-Sondergipfel zum Thema Brexit ist laut Brüsseler Kommissionskreisen im Gespräch.

May verbreitet Optimismus

"Wenn wir realistisch sind, können wir eine Einigung auf die Vereinbarung innerhalb von sechs oder acht Wochen erzielen", hatte der Franzose Barnier vor zwei Wochen gesagt. Aber: "Wir müssen vorbereitet sein." Und zwar auf alle Szenarien. Auch die britische Premierministerin Theresa May bemüht sich redlich, vorsichtigen Optimismus zu verbreiten.

Gleichzeitig bereitet sich London bereits auf ein mögliches No-Deal-Szenario vor. Am Donnerstag rief die von Brexit-Hardlinern in ihrer eigenen konservativen Partei bedrängte Regierungschefin ihr Kabinett zu einer Sondersitzung zusammen, an dem auch Notenbankchef Mark Carney teilnahm. Seine Amtszeit war wegen des ungewissen Fortgangs des Brexit-Prozesses schon zweimal verlängert worden. Danach veröffentlichte die Regierung weitere Dokumente zu den erwarteten Konsequenzen eines chaotischen Brexits. So würden die Roaming-Gebühren für Mobiltelefonie in die EU oder aus der EU steigen, für das Fahren im EU-Ausland ein internationaler Führerschein benötigt, die Ausfuhr von Lebensmitteln in die EU könnte beeinträchtigt sein, da dann in der EU ein neues Zulassungsverfahren nötig sei. Auch der Datenaustausch mit der EU könnte beeinträchtigt sein.

Die Ratingagentur Moody’s warnte am Donnerstag ebenfalls vor den negativen Folgen eines "wahrscheinlicher gewordenen" EU-Austritts ohne Abkommen. Dieser hätte "substanzielle negative Folgen" für die britische Wirtschaft und die Wirtschaft in einigen EU-Ländern, heißt es in einem aktuellen Bericht der Agentur. Am schlimmsten betroffen wären demnach Autobauer, Fluggesellschaften und die Chemiebranche.