London. Die britische Premierministerin Theresa May fordert die Brexit-Hardliner in den eigenen Reihen zur Gefolgschaft auf: Ein geregelter Austritt aus der EU sei einzig und allein auf Grundlage des von ihr vorgelegten Plans denkbar. "Die Alternative wäre es, überhaupt keinen Deal zu bekommen", so die Premierministerin im Interview mit der BBC.

Die Kritiker im Unterhaus dürften sich nicht der Illusion hingeben, dass Großbritannien in den Verhandlungen mit Brüssel eine bessere Lösung herausschlagen könne: "Glauben wir wirklich, dass uns die EU einen besseren Deal anbietet, wenn das Parlament sagt: ‚Nein, geht zurück und holt mehr heraus‘?", so May.

Die Premierministerin machte klar, dass es aus ihrer Sicht keine Alternative zum sogenannten Chequers-Plan gibt, den sie im Sommer als Grundlage für den Brexit und die künftigen Beziehungen zur EU vorgelegt hatte. Im rechten Flügel ihrer Partei stößt Mays Plan aber auf offene Kritik, weil er auch nach dem Austritt im März 2019 weiter enge Beziehungen zur EU vorsieht.

Inwieweit die britische Premierministerin ihre Vorstellungen gegenüber der EU durchsetzen kann, ist ohnehin unklar. In Brüssel gibt es schwere Bedenken gegen wichtige Punkte des Chequers-Plans - etwa, was die künftige Grenze zwischen Nordirland und Irland angeht. Sollten sich Mays Unterhändler mit der EU doch noch auf eine Austrittsvereinbarung einigen, müsste danach das britische Unterhaus zustimmen. Ob dort eine Mehrheit zustande kommt, ist allerdings wegen der vielen Brexit-Hardliner in Mays konservativer Partei fraglich.

Einer ihrer Wortführer, der frühere Außenminister Boris Johnson, setzte am Montag seine Kritik fort und bezeichnete Mays Brexit-Plan in einem Meinungsbeitrag für den "Daily Telegraph" als "verfassungsrechtliche Scheußlichkeit". "Es ist das erste Mal seit (der Landung der Normannen in Hastings im Jahr) 1066, dass sich unsere Politiker willentlich fremder Herrschaft fügen", schrieb er.

IWF fordert Einigung

Unterdessen fordert der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Verständigung zwischen Großbritannien und der EU. Sollte eine Brexit-Einigung nicht gelingen, werde die britische Wirtschaft an Fahrt verlieren, das Pfund fallen und das Staatsdefizit steigen, so IWF-Chef Christine Lagarde am Montag in London. Im Fall eines Deals werde das Bruttoinlandsprodukt laut IWF-Berechnungen in diesem und im nächsten Jahr um rund 1,5 Prozent zulegen. "Ein ungeordneter Abschied würde zu einem viel schlechteren Ergebnis führen." Auch die britische Handelskammer blickt eher pessimistisch in die Zukunft. Demnach werde das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts dieses Jahr nur 1,1 Prozent betragen. 2019 sollen es dann 1,3 Prozent sein. Ursprünglich war man von einem Wachstum heuer von 1,3 Prozent ausgegangen. 2019 sollten es 1,4 Prozent sein.

Die Deutsche Bank zieht schon Konsequenzen und will einen großen Teil ihres bisher in Großbritannien gebuchten Geschäfts nach Deutschland verlagern. Die Bank, die derzeit von London aus vor allem große Bereiche des Investmentbankings steuert, komme damit Forderungen der Europäischen Zentralbank nach, hieß es am Montag in Finanz- und Aufsichtskreisen. Nach einem Bericht der "Financial Times" könnte die Deutsche Bank rund drei Viertel der 600 Milliarden Euro, die sie derzeit in London liegen hat, nach Frankfurt transferieren.