Düsseldorf/Wien. "Wir können jetzt nicht einfach so weitermachen, ich kann das zumindest nicht", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. Seit einer Woche räumt die Polizei 51 Baumhäuser im Hambacher Forst zwischen Aachen und Köln. 3500 Beamte stehen rund 150 Aktivisten gegenüber, diese wollen verhindern, dass der Wald gerodet und an dessen Stelle Braunkohle abgebaut wird. Nicht immer gewaltfrei, es kam dabei zu Zusammenstößen mit Verletzten. Doch nun beklagen Aktivisten, Politik und der Energiekonzern RWE, Betreiber des benachbarten Kohlereviers, unisono den Tod eines Menschen im Hambacher Forst. Ein Journalist stürzte am Mittwoch rund 15 Meter in die Tiefe, als Bretter auf einer Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern brachen.

Aktivisten schrieben von einem "Freund", der sie seit längerer Zeit begleitet habe. Der Mann habe auf der Brücke einen Einsatz des Sonderkommandos beobachten wollen. Subtext: Die Präsenz der Polizei sei schuld an dem Todesfall. Die Exekutive erklärte, es habe keine Polizeimaßnahmen in der Nähe der Unglücksstelle gegeben. Innenminister Reul appellierte an die Besetzer, die Baumhäuser freiwillig zu verlassen. Es ist zu bezweifeln, dass sie dem Ruf des CDU-Politikers folgen werden.

Die Debatte hat sich verselbständigt. Dabei bleiben auch die Fakten auf der Strecke: Gegner der Rodung argumentieren mit einer 12.000 Jahre alten Geschichte des Waldes. Doch sind die ältesten Bäume maximal 350 Jahre alt. Auch handelt es sich nicht um Europas letzten großen Mischwald. 550 Hektar, nur noch zehn Prozent der ursprünglichen Fläche, bestehen heute. "Allein in Nordrhein-Westfalen existieren 900.000 Hektar Wald", sagt Stefan Ruge von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg dem "Nordkurier".

Tagebau in Hambach und Inden - © WZ-Grafik
Tagebau in Hambach und Inden - © WZ-Grafik

Doch der Hambacher Forst ist mittlerweile Sinnbild für die Probleme in der deutschen Klimapolitik. Nicht nur aus der Atomkraft steigt die Bundesrepublik infolge der Energiewende aus, sondern auch aus der Verstromung von Braunkohle - der Art der Stromerzeugung mit den höchsten Kohlendioxid-Emissionen pro Kilowattstunde.

Wann das passiert, ist die große Frage. Um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens zu erreichen, sei ein Ausstieg zwischen 2025 und 2030 notwendig, meint Niklas Höhne vom klimaschutzaffinen New Climate Institute. Für "nicht zu schaffen" hält hingegen RWE-Chef Rolf Martin Schmitz den Kohleausstieg bis 2030. Es gebe "noch nicht genug Gaskraftwerke, die die Versorgungssicherheit garantieren".