London/Brüssel. (leg) Keir Starmer schien überrascht von der Reaktion im Auditorium. "Niemand schließt den Verbleib (in der EU) als Wahlmöglichkeit aus", rief der Brexit-Experte der britischen Labour Party auf dem Parteitag in der Arbeiterstadt Liverpool in den Saal. Er erntete tosenden Applaus, die Zuhörer klatschten Beifall. Nach und nach erhob sich der Großteil des Saales, während Starmer versuchte, weiterzusprechen. Er hatte vielen seiner Genossen von der Arbeiterpartei mit dem Wunsch nach einem zweiten Referendum, um den Brexit zu korrigieren, offenbar aus der Seele gesprochen.

Vielen, nicht allen. Denn obwohl in Liverpool dutzende in Blau gekleidete Menschen EU-Fahnen schwenkten und eine neuerliche Befragung der Briten forderten, gab es für die Äußerung Starmers, der den Titel eines Sirs trägt und so schon die Oberklasse innerhalb der Arbeiterpartei verkörpert, nicht nur Beifall. Manch einer blickte auch verloren vor sich hin ins Leere. Denn auch die traditionsreiche Labour Party ist in der Brexit-Frage zutiefst gespalten. Noch am Tag vor Starmers Statement hatte ihr Schattenkanzler John McDonnell in einem Radio-Interview ausgeschlossen, dass die Briten noch einmal über den Verbleib in der EU werden abstimmen müssen. Und auch der links stehende Parteichef Jeremy Corbyn gilt nicht gerade als Fan des EU-Establishments. Doch in Liverpool waren die Proeuropäer augenscheinlich in der Mehrheit. Diesen Befund untermauert auch eine aktuelle Umfrage, der zufolge sich 86 Prozent der Labourmitglieder ein zweites Brexit-Referendum wünschen. 90 Prozent von ihnen würden auch für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stimmen - vor allem die jüngeren Mitglieder, die in den Städten wohnen.

Labour-Chef im Strategie-Dilemma

In der Gesamtbevölkerung sieht das Bild freilich anders aus. Es ist unklar, wie ein neuerliches Brexit-Referendum ausgehen würde. Möglicherweise würden die Briten dann, vor die Alternative eines chaotischen Brexits und dem Verbleib in der EU gestellt, Letzteres wählen. Vielleicht entwickelt sich aber auch eine trotzige Jetzt-erst-recht-Stimmung. In diesem Fall wäre es für Labour fatal, den bisherigen unklar lavierenden Kurs zugunsten eines klar proeuropäischen aufzugeben. Es bestünde die Gefahr, dass die Vertreter der Arbeiterpartei mindestens von der wenig zimperlichen britischen Presse als Verräter am Vaterland gebrandmarkt würden - damit wäre auch jede Chance dahin, EU-kritische Wahlkreise, die heute den konservativen Tories gehören, zu eigenen Gunsten zu drehen.