München/Berlin. (leg) "Stagediving" - das ist eine Sache, die normalerweise nur Rock- und Popstars machen. Das Idol auf der Bühne nimmt Anlauf, springt - und dutzende Hände fangen den Star auf, tragen ihn auf einer menschlichen Welle enthusiasmierter Fans weiter.

Am Sonntagabend in München sprangen aber auch die Grünen auf ihrer Wahlparty im bayerischen Landtag ins Glück. "Kommt zur Bühne und haltet alle die Hände nach oben", hallte es zu vorgerückter Stunde durch den Saal. Daraufhin gönnten sich Ludwig Hartmann, neben Katharina Schulze grüner Spitzenkandidat in Bayern, und Bundesvorsitzender Robert Habeck ein Bad in der Menge.

Gründe dafür hatten sie genug: Im Vergleich zur Landtagswahl 2013 haben die Grünen ihren Stimmenanteil auf 17,5 Prozent mehr als verdoppelt - ein Erfolg, den der Ökopartei, die nach der Flüchtlingskrise 2015 in die Defensive geriet, lange Zeit kaum jemand zugetraut hätte. Mit der neuen, pragmatisch ausgerichteten Führungsspitze rund um die beiden Realos Habeck und Annalena Baerbock gelang es den Grünen aber wieder, Tritt zu fassen. Ihre Werte erinnerten in letzter Zeit an jene aus dem Jahr 2011, als die Grünen nach dem Reaktorunfall von Fukushima in Umfragen bundesweit bei über 20 Prozent lagen. Damals sprach man von ihnen als "neuer Volkspartei" - eine Prognose, die sich zumindest kurzfristig nicht bewahrheiten sollte, auch weil Bundeskanzlerin Angela Merkel die Themen der Grünen wie den Atomausstieg übernahm.

Mit dem Ergebnis vom Sonntag gelang es den Grünen nun aber ausgerechnet im konservativen Bayern, die bisherige Dominanz der CSU zu brechen. Besonders in den Städten vollzog sich eine Umschichtung, die die Grünen vielerorts auf Platz eins spülte - etwa in der Landeshauptstadt München, wo sie mit 30,3 Prozent deutlich vor der CSU mit 25,2 Prozent lagen. 2013 waren die Christlichsozialen noch 24 Prozentpunkte vor den Grünen gelegen.

Grüne in Oberbayern stark


Vor allem in den großen Städten Bayerns mit mehr als 100.000 Einwohnern - etwa Nürnberg, Augsburg, Regensburg oder Fürth - konnten die Grünen meist mehr als 30 Prozent der Stimmen gewinnen. Auch bei den Direktmandaten schnitten die bayerischen Grünen gut ab: So gewannen sie etwa in München fünf von neun Direktmandaten, der Rest ging an die CSU. Der grüne Erfolg blieb aber nicht auf die Städte beschränkt: Auch in fast allen bäuerlich geprägten Landkreisen am Alpenrand belegten die Grünen Platz zwei hinter der CSU.

Im größten Bezirk Oberbayern erzielten die Grünen mit 22,0 Prozent das beste Ergebnis aller sieben Regierungsbezirke, die CSU mit 33,9 Prozent das schlechteste. Am besten schnitt die CSU in Unterfranken mit 41,4 Prozent ab.