Wiesbaden/Wien. Hessen ist Ausgangspunkt der AfD. Im Februar 2013 trafen einander 20 Personen zur Gründungsversammlung. Nun markiert das Bundesland den Endpunkt einer Entwicklung: Nach der Wahl am Sonntag wird die AfD auch in den hessischen Landtag einziehen. Dann ist die Partei in 16 Bundesländer-Parlamenten vertreten.

Bis zu 13 Prozent sagen die Demoskopen der AfD voraus. Damit würden sie ihren Stimmanteil gegenüber der Landtagswahl 2013 mehr als verdreifachen. Damals war die Partei ein elitärer Zirkel, angeführt vom Ökonomieprofessor Bernd Lucke. Die Kritik richtete sich vor allem gegen die Euro-Krisenpolitik der schwarz-gelben Bundesregierung. Für den Einzug in den hessischen Landtag reichte das ebenso wenig wie für den Bundestag bei der Wahl 2013.

Der große Schub kam mit dem Sommer 2015, als sich Kanzlerin Angela Merkel zum Offenhalten der Grenzen entschloss und angesichts hunderttausender Migranten der Staat die Kontrolle verlor. Die Stunde des einstmals kleineren nationalpopulistischen Flügels schlug. Bereits zuvor wollte Lucke den rechten Rand aus der Partei drängen - und wurde Opfer des Machtkampfes. Als er im Juli 2015 seinen Parteiaustritt verkündete, sympathisierten drei Prozent der Deutschen mit der AfD. Heute würden mehr als 15 Prozent für sie stimmen.

Zweifel und Zwänge


Flüchtlinge und innere Sicherheit sind für Hessens AfD-Vorsitzenden Robert Lambrou auch die wichtigsten Themen für die Wahl am Sonntag. Das Wahlprogramm lautet "Hessen. Aber sicher!". Bei der Landtagswahl in Bayern vor knapp zwei Wochen war es "Bayern. Aber sicher!". Der Gleichklang setzt sich beim Inhalt fort, mit bundespolitischen Themen, die von den Landtagen kaum beeinflussbar sind. Der hessische Bundestagsabgeordnete Albrecht Glaser wollte daher das Einwanderungskapitel im Landes-Wahlprogramm streichen lassen, blitzte aber ab.

Lambrou zweifelt an Kriminalstatistiken und fordert "Mut zur Wahrheit". Die Zweifel ziehen sich im Wahlprogramm bis zur Umweltpolitik: Dass Klimaänderungen vorwiegend menschengemacht sind, sei "wissenschaftlich nicht gesichert". Die übergeordnete Botschaft: keine Einschränkungen, keine Zwänge, keine Bevormundung durch einen vermeintlichen politischen und medialen Einheitsbrei.

Keine Partei in Deutschland versteht es so gut, Unzufriedene zu mobilisieren. Bei der Wahl in Bayern musste die CSU 160.000 Abgewanderte Richtung AfD verschmerzen. Das sind aber weniger Stimmen als die AfD von ehemaligen Nichtwählern (180.000) und Kleinparteien (190.000), die zumeist Protestwähler anziehen, erhielt. Diese Personen suchen ein Ventil, verlangen aber oftmals keine Sachlösungen. Sie verzeihen der AfD daher auch die ständigen internen Kämpfe.