Rückzugserklärungen alleine reichten aber nicht, damit AfD-Anhänger wieder zur Union zurückkehren, ist Frank Brettschneider überzeugt. "In deren Augen muss nicht nur Merkel weg, sondern auch ihre Politik. Die Öffnung gegenüber städtischen Milieus müsste dann aber zugunsten der Stammwählerschaft abgewickelt werden", sagt der Professor für Kommunikationswissenschaft und Wahlforscher an der Universität Hohenheim in Stuttgart. "Die Mitte" hatte die Merkel-CDU auf ihren Plakaten jahrelang affichiert. Auf ähnliche Weise, als "neue Mitte", holte Gerhard Schröder 1998 die Kanzlerschaft nach den Kohl-Jahren zurück. Merkel demontierte Kernthemen wie Wehrpflicht und Atomkraft, sie erklärte die Ehe für homosexuelle Personen zur Gewissensfrage, also ohne Klubzwang.

Das konservative Aushöhlen ging gut, so lange es rechts von der Union keine Konkurrenz gab. Mit dem Offenhalten der Grenzen im Sommer 2015 - mittlerweile selbst vom Chef der Grünen kritisiert - und dem Kontrollverlust des Staates reanimierte Merkel eine AfD im Selbstzerfleischungsmodus. Die Stimmen von enttäuschten Konservativen und von Protestwählern sind derzeit für die CDU verloren. Diese will und kann kein Bündnis mit einer AfD eingehen, die ihr Heil in bewusster Grenzüberschreitung nach Rechtsaußen sucht. "Die Verluste an die Grünen sind für die CDU hingegen nicht so dramatisch, schließlich kann sie mit ihnen koalieren", sagt Wahlforscher Brettschneider.

Er erwartet daher einen konservativeren Mann als neuen Parteivorsitzenden. "Teile der CDU haben immer mit einer Frau, noch dazu einer Ostdeutschen, an der Spitze gefremdelt. Auch ihr konsensualer Führungsstil könnte abgelöst werden." Gesundheitsminister Jens Spahn passt in dieses Muster, er bereitet Parteikreisen zufolge seine Kandidatur für den Vorsitz an. Der Vertraute von Bundeskanzler Sebastian Kurz sagt jedoch nicht zu Unrecht über sich: "Bekannt bin, beliebt muss ich erst werden." Dieses Problem hat Annegret Kramp-Karrenbauer nicht, seit sie den formalen Abstieg von der saarländischen Ministerpräsidentin zur CDU-Generalsekretärin machte, anstatt als Ministerin in die schwarz-rote Koalition einzutreten. Sie ist kein Merkel-Double, aber sollte die Partei den großen Schnitt wollen, ist ihr Führungsstil zu nahe an dem der Kanzlerin. Überraschend soll auch Politpensionist Friedrich Merz Interesse am Vorsitz angemeldet haben. Bekannt wurde er durch seine Idee der Steuervereinfachung; die Einkommensteuer sollte auf dem sprichwörtlichen Bierdeckel ausgerechnet werden können. Der ehemalige Fraktionschef wurde einst von Merkel abgelöst, 2009 verließ er auch den Bundestag. Als möglicher Kandidat gilt auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Er führt den größten CDU-Landesverband, Regierungserfahrung in Berlin hat er jedoch nicht.

Merkel will noch bis 2021 durchregieren

Merkel erspart sich und der Öffentlichkeit mit ihrem Rückzug zwar eine Debatte über ihren Parteivorsitz. Ihr Befreiungsschlag bedeutet zugleich eine Lähmung, denn Merkel kündigte an, sie wolle als Kanzlerin die volle Legislaturperiode bis 2021 dienen und dann aus dem Bundestag ausscheiden. Bis dahin wäre sie im Branchensprech eine "lahme Ente", wie US-Präsidenten in ihrer zweiten und letzten Amtszeit, die gegen den Kongress regieren. Dabei kann sich das politisch und wirtschaftlich wichtigste EU-Land keine Führungsschwäche erlauben. In der EU stehen mit dem Brexit und dem Kurs der italienischen Regierung enorme Herausforderungen an, geopolitisch reichen sie von Donald Trump über Wladimir Putin bis zum Syrien-Krieg und möglichen neuen Migrationsbewegungen Richtung Europa.