Berlin/Brüssel. Nach dem angekündigten Rückzug von CDU-Chefin Angela Merkel vom Parteivorsitz wächst der Druck auf CSU-Chef Horst Seehofer. Merkel habe es geschafft, "einen selbstbestimmten Abgang als Parteivorsitzende zu gehen, das wünsche ich auch dem Kollegen Horst Seehofer", sagte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) der Zeitung "Die Welt" vom Dienstag. Merkel habe ein Beispiel gegeben, wie man nach einem schlechten Wahlergebnis Verantwortung übernehme. Dieser Debatte werde sich auch die CSU stellen müssen.

Seehofer hatte angekündigt, seine Partei werde nach der Koalitionsbildung eine Debatte über Konsequenzen aus der Schlappe bei der Landtagswahl führen, und einen Rücktritt vom Parteivorsitz als eine Möglichkeit genannt. Seehofer wird in der Schwesterpartei ein maßgeblicher Anteil am schlechten Ansehen der großen Koalition zugeschrieben.

Auch der CSU-Politiker und Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich würdigte Merkels Entscheidung, rief die CDU allerdings auf, sich aus diesen Fragen der CSU herauszuhalten. Es könnten sonst Gegenreaktionen entstehen, die nicht zu einer harmonischeren Zusammenarbeit beider Parteien führten.

Experte: In Europa wird niemand mehr zuhören

In Brüssel schürt die Rückzugsankündigung der deutschen Kanzlerin die Angst vor einem europapolitischen Stillstand. In den Augen vieler ist Merkel der letzte Stabilitätsanker der von Finanz- und Migrationskrisen gebeutelten EU. Diese Stabilität hänge nun davon ab, ob sie mit Annegret Kramp-Karrenbauer ihre bevorzugte Nachfolgerin in Stellung bringen kann, glaubt Julian Rappold vom European Policy Centre.

"Sollte sich aber ein Merkel-Kritiker als Parteivorsitzender durchsetzen, wäre das ein klares Signal für das Ende ihrer Kanzlerschaft", sagt Rappold. Die Kluft zwischen ihr und ihrer eigenen Partei wäre dann zu groß. In großen europapolitischen Themen wie Sicherheit und Migration seien dann bis nach der Europa-Wahl im Mai keine nennenswerten Fortschritte zu erwarten.

Diesen Pessimismus teilen nicht alle. Merkels Entscheidung sei zu erwarten gewesen, es ändere sich dadurch nichts, heißt es aus EU-Kommissionskreisen. "Ich sehe kein Risiko für Chaos oder Instabilität für Europa, denn das wird ein sehr langsamer Abgang sein", sagt Sudha David-Wilp, stellvertretende Leiterin des German Marshall Fund.

Auch Joachim Fritz-Vannahme von der Bertelsmann-Stiftung warnte vor übertriebener Unruhe. "Auf kurze Sicht wird die Kanzlerin vielleicht sogar mehr Zeit haben, sich auf Europa zu konzentrieren", vermutete er. "Ein neuer Parteichef wird sich voraussichtlich nicht in Europa tummeln, aber ihr dafür vielleicht den ein oder anderen innenpolitischen Termin abnehmen."