München/Berlin. Nur wenige Stunden, nachdem Kanzlerin Angela Merkel ihren Rückzug als CDU-Vorsitzende bekanntgegeben hat, gibt sich Horst Seehofer schon wieder demonstrativ geschäftig. Bis Mitte November werde er Vorschläge zur inhaltlichen, strategischen und personellen Zukunft der Partei vorstellen, erklärt der CSU-Chef am Montagabend im Bayerischen Rundfunk. Schließlich könne die Aufarbeitung der Bayern-Wahl nicht auf den "Sankt-Nimmerleinstag" verschoben werden.

Auffallend ist an diesem Montag aber nicht nur Seehofers Tatendrang. Anders als vor zehn Tagen, als er sich sichtbar erbost über seine Rolle als Partei-Watschenbaum beschwert hat, gibt es diesmal auch keine Andeutungen über eine Abgabe des Parteivorsitzes. Stattdessen spricht Seehofer vom bereits vollzogenen Generationenwechsel mit der Übergabe des Ministerpräsidentenamts an seinen langjährigen Rivalen Markus Söder.

Ob Seehofer nach der desaströsen Landtagswahl, die der CSU vor zwei Wochen ein Minus von 10,5 Prozent beschert hat, tatsächlich noch an eine Restchance als Parteichef glaubt oder die Geschäftigkeit der vergangenen Tage nur ein Pfeifen im Walde ist, lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Fest steht allerdings, dass Seehofer immer weniger Herr der Lage ist. Denn der 69-Jährige hat es mittlerweile nicht nur mit einer Partei zu tun, in der es auf allen Ebenen gärt. Mit Merkels Rückzug hat er gewissermaßen auch ein Best-Practice-Modell für den Abschied von der Macht serviert bekommen. Die Kanzlerin habe ein Beispiel gegeben, "wie man nach einem schlechten Wahlergebnis Verantwortung übernimmt", erklärt etwa der saarländische CDU-Ministerpräsident Tobias Hans gegenüber der Tageszeitung "Die Welt". Ein solch selbstbestimmter Abgang sei nun auch dem "Kollegen Horst Seehofer" zu wünschen.

Doch auch wenn sich Seehofer, dem am Dienstag auch von vielen anderen Spitzenpolitikern ein Rücktritt nahegelegt wird, dem Druck womöglich bald beugen wird müssen, dürften die kommenden Wochen für die CSU keine einfachen werden. Denn wer den langjährigen Parteivorsitzenden beerben soll, ist alles andere als ausgemacht. So deutete vor dem Sommer vieles darauf hin, dass der Europapolitiker Manfred Weber das Amt übernehmen könnte. Weber genießt starken Rückhalt im liberalen CSU-Flügel. Aus Sicht nicht weniger Parteigranden würde eine Doppelspitze mit Söder wieder die zuletzt verlorengegangene Breite der Partei abbilden.

Doch der Fraktionschef der Europäischen Volkspartei hat noch andere Karrierepläne, die den Griff nach der CSU-Parteispitze nicht unbedingt einfacher machen. So hat Weber Anfang September bekanntgegeben, dass er sich am 8. November als EVP-Spitzenkandidat für die Europawahl aufstellen lassen will, um nach einem Wahlsieg EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker zu beerben. Dass die Partei aus dem fernen Brüssel geführt werden kann, halten viele in der traditionell europakritischen CSU freilich für ausgeschlossen. Und auch aus Webers Sicht ist eine Kandidatur als CSU-Parteichef ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Denn ein schmutzig geführter Kampf um den Parteivorsitz lässt womöglich so viele Verletzungen zurück, dass es für Weber auch auf europäischem Parkett schwierig werden könnte.

Will Söder überhaupt?


Vieles spricht damit dafür, dass Söder nach dem Amt des Ministerpräsidenten nun auch noch das Amt des Parteivorsitzenden übernimmt. Denn dass die Partei mit ihm als Spitzenkandidaten vor knapp zwei Wochen ihr schwächstes Landtags-Wahlergebnis seit fast 70 Jahren einfuhr, hat ihm in der CSU bisher nicht geschadet. So ist es Söder bereits unmittelbar nach der Wahl gelungen, die Schuld am dramatischen Absturz auf Seehofer und dessen Streit mit Merkel und der SPD abzuwälzen, die CDU-Verluste bei der Hessen-Wahl am Sonntag machen das von Söder gezeichnete Bild nun nur noch stimmiger.

Unklar ist allerdings, ob Söder das schwierige Amt auch tatsächlich will. Denn als CSU-Chef müsste der Ministerpräsident auch den bundespolitischen Anspruch der Partei in Berlin durchsetzen und hätte damit an einer zweiten Front zu kämpfen. Und viel zu gewinnen gäbe es für den auf der Berliner Bühne unerfahrene Söder wohl nicht, wenn er sich auch noch auf Bundesebene um Koalitionsstreitigkeiten kümmern müsste.