Wien. "Ein Mädchen bekommt von einem Bekannten ständig Liebesnachrichten per SMS zugeschickt. Sie sagt ihm, dass sie das nicht will. Doch er hört nicht damit auf." Außerdem verfolge er sie manchmal auch auf der Straße. Für eine Pilotstudie zum Thema Mädchen- und Frauenrechte von SOS Mitmensch sollten 13- bis 15-Jährige an acht Schulen in Wien Situationen wie diese einschätzen. 73 Prozent der Befragten wussten, dass ein Verhalten wie dieses, also Stalking, verboten ist - 27 Prozent der Mädchen und Burschen allerdings nicht.

Mehr noch: 37 Prozent der Jugendlichen war nicht klar, dass ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten, also auch in der achten Woche, straffrei möglich ist. Und: 61 Prozent wussten nicht, dass eine ungleiche Bezahlung für die gleiche Arbeit nicht erlaubt ist.

Dass Männer Frauen nicht verbieten dürfen zu arbeiten, wussten dagegen 92 Prozent der Jugendlichen; 88 Prozent wiederum, dass ein Kuss nach der Frage, ob er okay ist, erlaubt ist. Die Studie zeigt jedenfalls, dass das Wissen über die eigenen Rechte bzw. jene der Klassenkolleginnen nicht in allen Bereichen gleichermaßen vorhanden ist. Und das, obwohl 96 Prozent aller Befragten - unter den Mädchen sogar 100 Prozent - angaben, dass Mädchen- und Frauenrechte wichtig sind.

Mehr Infos über Gewalt in der Familie wären gefragt

"Die markanten Wissenslücken machen die jungen Menschen verwundbar", sagt SOS Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, wenn es um das Thema Gewalt geht: Zwei Drittel konnten zum Beispiel keine Organisation nennen, die Frauen und Mädchen bei Gewalt oder sexueller Belästigung hilft; nur jedem Siebenten fiel die Polizei ein.

Drei Viertel der Befragten aber wollen mehr über Gewalt und Mobbing sowie Schutzmaßnahmen dagegen wissen. "Vor allem, dass Mädchen mehr über Gewalt im privaten Bereich, der Schule, der Familie wissen wollen, ist ein Alarmzeichen", sagt Ilse Rollett, Direktorin der AHS Rahlgasse. "Schulen haben die wichtige Aufgabe, gerade in diesem Bereich Rückhalt zu geben und Informationen zu bieten."

"Die Polizei ist wichtig. Die wird aber erst dann gerufen, wenn schon ganz viel passiert ist", stellt Angelika Eisterer vom Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser fest. Sie wünscht sich mehr Prävention, genauso wie Margarete Bican, Geschäftsführerin der Mädchenberatung Sprungbrett: "Man muss über die eigenen Rechte Bescheid wissen, um sicher und stark auftreten zu können", sagt sie. Neben Hilfe im Notfall bieten beide NGOs Workshops für Gewaltprävention für Schulen an.

SOS Mitmensch lieferte den knapp 300 Befragten übrigens eine Info-Broschüre nach der Umfrage - und wünscht sich vom Frauen- und vom Bildungsministerium eine österreichweite Befragung inklusive Informationsoffensive und ausreichender Finanzierung der präventiv arbeitenden Organisationen.

Beispiele aus der Studie

Frau darf sich keine Arbeit suchen
Ein Ehemann befiehlt seiner Frau, dass sie zu Hause bleiben muss. Sie darf sich keine Arbeit suchen. Er droht ihr mit Gewalt, falls sie sich doch eine Arbeit sucht.
92 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wussten, dass ein Ehemann das nicht darf.

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Erfragter Kuss
Eine Frau tanzt bei einem Fest. Ein unbekannter Mann fragt, ob er mit ihr tanzen darf. Sie sagt ja.Später fragt er sie, ob er sie küssen darf
88 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wussten, dass ein Mann das darf.

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Machtmissbrauch in der Arbeit
Der Firmenchef bittet eine Angestellte mit ihm auszugehen. Er sagt, dass es gut für ihre Karriere wäre, wenn sie zusagt. Sie lehnt ab. Kurz darauf wird sie gekündigt, obwohl sie gute Arbeit geleistet hat.
71 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wussten, dass der Firmenchef das nicht darf.

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Griff einer Fremden zwischen die Beine
Ein Junge geht von der Schule nach Hause. Eine fremde Frau greift ihm beim Vorbeigehen zwischen die Beine.
85 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wussten, dass die Frau das nicht darf.

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Schwangerschaftsabbruch
Eine junge Frau ist seit 8 Wochen schwanger. Sie geht zu einem Arzt, um die Schwangerschaft abbrechen zu lassen, weil sie kein Kind bekommen möchte.
63 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wussten, dass die Frau das darf.

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Ungleiche Bezahlung
Ein Firmenchef bezahlt Männern für die gleiche Arbeit mehr als Frauen.
Nur 39 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler wussten, dass der Firmenchef das nicht darf.