Der Schweizer Gesandte in Wien schrieb in seinem letzten Bericht aus der Habsburgermonarchie am 31. Oktober: "In der gewesenen Doppelmonarchie herrscht das Chaos." In Wien ging man im Oktober 1918 davon aus, dass die Tschechen und die Slowaken nicht mehr in der Monarchie zu halten waren. Kaiser Karl versuchte, wenigstens die Ungarn für eine gemeinsame Fortführung des Reiches zu gewinnen, was ebenfalls nicht funktionierte.

Immerhin gab es Spekulationen, wonach Herzog Max von Hohenberg, der ältere Sohn Erzherzog Franz Ferdinands, böhmischer König werden könnte. Dazu kam es nicht, das Manifest Kaiser Karls, mit dem er "seine Völker" bei der Stange halten wollte, verhallte wirkungslos.

In der maroden k.u.k.-Zentrale in Wien fügte man sich dem Unvermeidlichen. Als der Statthalter von Böhmen, Graf Coudenhove, anfragte, wie er sich zu verhalten habe, hieß es: "Jedes Blutvergießen vermeiden, keinen Eklat machen und den Übergang zum Nationalstaate friedlich in die Wege leiten."

In Prag wurde am 28. Oktober, exakt um 19.18 Uhr die Republik ausgerufen, zwei Wochen, bevor man in Wien den gleichen Schritt setzte. Der Wenzelsplatz war vollgepackt mit Menschen, die Unabhängigkeitserklärung wurde von Tomas Garrigue Masaryk verfasst und unterschrieben. Die Tschechoslowakei sollte eine freie und demokratische Republik sein, in der es Religions- und Pressefreiheit und eine unabhängige Justiz gibt.

Am 30. Oktober schloss sich die slowakische Bevölkerung an und erklärte sich als Teil der Tschechoslowakei für unabhängig. Es kam allerdings nicht zu einer tschechischen und slowakischen Republik unter einem gemeinsamen Dach, wie man das in Bratislava gerne gehabt hätte, sondern zu einer "tschechoslowakischen", in der die Slowaken nach 1918 und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg die zweite Geige spielen, bis es schließlich 1993 zur Abtrennung kam.

  • Ungarn: Die "Revolution der Herbstrose"

In Budapest verlief die Revolution gewaltsamer als in Prag - dort gab es Demonstrationen und Straßenschlachten. Obwohl innerhalb der k.u.k. Monarchie privilegiert, hatte man auch hier nach vier Jahren Krieg die Nase gestrichen voll. Als in Debrecen die "Kaiserhymne" gespielt wurde, kam es zu Tumulten.

Am 25. Oktober 1918 marschierten 300 bis 400 Offiziere an der Spitze einer Studentendemonstration zur Burg in Buda, sie durchbrachen mit dem Säbel in der Hand Polizeiabsperrungen und hissten mit "Vivat"-Rufen die Nationalflagge. In Budapest steigerten sich Wut und Aufregung, der Stadtkommandant Geza Lukachich von Somorja ließ in die Menge feuern.

Zuvor war in Teilen der ungarischen Reichshälfte das Standrecht verhängt worden, Deserteure sollten an die Wand gestellt werden. Das galt auch für Budapest, wurde aber kaum vollstreckt. Was angesichts der hohen Zahl an Fahnenflüchtigen aus allen Teilen der Monarchie gar nicht mehr möglich gewesen wäre.