Ungarische Revolutionäre 1918 in Budapest. - © Wikipedia, Public Domain
Ungarische Revolutionäre 1918 in Budapest. - © Wikipedia, Public Domain

Am 12. November 1918 wurde vor dem Parlament in Wien die Republik ausgerufen, proklamiert durch zwei Präsidenten der Provisorischen Nationalversammlung, Franz Dinghofer und Karl Seitz. Dramatische Ereignisse - doch vergessen wird, was in diesen Tagen in den k.u.k. Kronländern geschah. In Budapest, Prag, Zagreb und Krakau fanden ebenfalls Revolutionen statt. Gleichzeitig rückten die Italiener bis an den Brenner vor und besetzten in der Folge sogar Innsbruck.

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1918, nach vier Jahren Krieg, hatten die die Tschechen die Nase endgültig voll von "Kaiser, Gott und Vaterland", von Mangel, Hunger und dem Sterben in einem sinnlosen Krieg. In Prag ging es im Oktober 1918 drunter und drüber. In den Kasernen meuterten die Soldaten, gaben Schüsse in die Luft ab und desertierten, anstatt wie befohlen mit dem Zug an die Front zu fahren. Den gemeinen Infanteristen wurde als Vorsichtsmaßnahme die Munition weggenommen und von Unteroffizieren verwahrt. "Nur mehr die Narren kämpfen, die Klugen bleiben zu Hause", hieß es, wie der Historiker Manfried Rauchensteiner in seinem Buch "Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger-Monarchie" schreibt.

Das Stadtbild von Prag war von streikenden Arbeitern geprägt. Die Fabriken wurden stillgelegt, Offiziere von Untergebenen angerempelt. Von den Fronten zurückgekehrte Deserteure bildeten eine wilde Soldateska. Auf dem Wiener Ostbahnhof und in Stadlau kam es zu Feuergefechten zwischen tschechoslowakischen und ungarischen Heimkehrern auf der einen und deutschen Österreichern auf der anderen Seite, die sich zum Selbstschutz zu Volkswehren zusammengeschlossen hatten. Lebensmitteldepots wurden geplündert, man stopfte sich die Taschen voll.

In Prag gingen deutsche und tschechische Studenten auf die Straße und provozierten einander. Es gab Zusammenrottungen und Schlägereien. Die Straßen waren mit rot-weißen Fahnen geschmückt (das blaue Dreieck kam erst 1920 dazu). Laut Augenzeugenberichten zogen tausende Menschen singend durch die Stadt, sangen die tschechische Hymne und das Hetzlied "Hej Sloveni". Die Frauen trugen tschechische Nationaltracht, viele Männer kamen in der Uniform des nationalistischen tschechischen "Sokol"-Turnvereins.

Der kaiserliche Stadtkommandant von Prag, Eduard Zanantoni, hatte alle Hände voll zu tun, damit es nicht zur Eskalation kam. Die Zeitungen strotzten vor "gehässigen Artikeln gegen Kaiser und Staat", wie Zanantoni bitter beklagte, im Nationaltheater würden nur noch solche Stücke aufgeführt, die den tschechischen Staat verherrlichten und die Monarchie verunglimpften. "Von Zucht und Disziplin war keine Rede mehr (. . .)", so Zanantoni.