400.000 k.u.k. Soldaten gerieten in Gefangenschaft, weil die Österreicher irrtümlich einen Tag früher als die Italiener zu kämpfen aufhörten. Jetzt fielen Gebiete an den Feind, in denen die Mehrheit der Bevölkerung bis heute deutsch spricht. Die italienischen Einheiten marschierten ungehindert in Richtung Nordtirol. Die Reste der k.u.k. Armee stolperten verwundet und ausgehungert über den Brenner zurück nach Tirol, raubten und plünderten, es herrschte ein unglaubliches Chaos. Zeitzeugen berichteten, dass überall weggeworfene Waffen und vom Zug gestürzte, tote Soldaten lagen. Die Zeitung "Der Tiroler" schrieb, dass es sich nicht mehr um Soldaten, sondern um eine "wilde Horde" handelte. Am 3. November 1918 kam es in Tirol zur Bildung von Bürgerwehren, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Am 5. November rückten bayerische Truppen auf Bitte Tirols in Tirol ein. Man hoffte, die Bayern würden Ordnung schaffen, und den Deutschen ging es darum, eine neue Abwehrlinie zu schaffen. Denn das Deutsche Reich befand sich immer noch im Kriegszustand mit Italien und lief nun Gefahr, von Süden her aufgerollt zu werden.

Am 10. November 1918, also genau vor 100 Jahren, erreichten die Italiener den Brenner, zwei Wochen später besetzten sie Innsbruck - und blieben bis zum Dezember 1920 dort. In der Folge blieb Innsbruck bei Österreich, Südtirol aber ging unwiderruflich an Italien, was in den folgenden Jahrzehnten für Spannungen und massive Probleme sorgte.

  • Gründung Jugoslawiens schuf keinen Frieden

An der Seite der Alliierten kämpfte seit Juni 1918 auch eine "jugoslawische Division", die sich nicht nur aus Serben und Kroaten, sondern auch aus Slowenen zusammensetzte. Die galten bisher als recht kaisertreu. In Laibach fürchtete man aber, bei dem absehbaren Zusammenbruch des Habsburgerreiches unter die Räder zu geraten: Ein an Deutschland eventuell angeschlossenes Österreich wäre übermächtig, es sei besser, den Schulterschluss mit dem sich bereits abzeichnenden südslawischen Staat zu suchen. Während die Verhältnisse zunehmend ins Rutschen gerieten, träumten manche in der k.u.k. Führung noch von einem Siegfrieden - trotz aller Schwierigkeiten, die Völker zusammenzuhalten. Am 21. Juli noch forderte Generalstabschef Arthur Arz von Straußenburg noch die völlige Angliederung Serbiens und auch Montenegros an die Monarchie und die Schaffung eines Balkanstaatenbundes "unter unserer Führung". Die Monarchie sei nämlich der "Sieger auf der Balkanhalbinsel".

Doch es war nicht mehr die Zeit für große Pläne Wiens. Die Völker meldeten sich ab und formten sich zu neuen Konstellationen. Am 6. Oktober konstituierte sich in Zagreb der Nationalrat der Slowenen, Kroaten und Serben als oberstes Vertretungsorgan der Südslawen der Monarchie. Das Wort vom "schwarz-gelben Völkerkäfig" wurde beschworen, dem man nun entrinnen wollte. Parallelstrukturen ersetzten zunehmend die bisherige kaiserlich-königliche Autorität.

Doch der neue SHS-Staat, der Staat der Serben, Kroaten und Slowenen, der am 1. Dezember 1918 ausgerufen und 1929 in "Jugoslawien" umbenannt wurde, erwies sich von Anfang an als brüchig. Die maßgeblichen Vertreter der Slowenen und Kroaten strebten zunächst eigene Staatsbildungen an. Erst nachdem Italien nach Kriegsende Angriffe auf südslawisches Territorium unternahm, kam es zu einer Vereinigung der drei Völker - sowie der besonders unterdrückten Albaner und der bosnischen Muslime - unter einem Dach.

Die historisch-religiösen Gräben zwischen den Völkern taten sich jedoch auch in dem neuen Vielvölkerstaat schnell auf. Dies auch deshalb, weil es sich um einen von Serben geführten Zentralstaat handelte, der die föderalistisch gesinnten Kroaten ignorierte, die historischen Landesgrenzen aufhob und den Staat in 33 Gebiete gliederte. Die offiziell proklamierte einige jugoslawische Nation erwies sich als Imagination, im Zweiten Weltkrieg und dann noch einmal in den Balkankriegen der 1990er Jahre traten die Bruchlinien zwischen den Völkern blutig zutage.