• Galizien: Kriegsende als Auftakt zu neuen Kriegen

Doch nicht nur auf dem Balkan war die Situation nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerreichs Österreich-Ungarn explosiv. Der Satz des britischen Journalisten und Politikers Leopold Stennett Amery erwies sich leider als wahr. Amery hatte erklärt, dass man Mitteleuropa "im Handumdrehen in einen neuen Balkan verwandeln" würde, wenn es zur Gründung souveräner Nationalstaaten käme.

Das galt insbesondere auch für das multikulturelle österreichische Kronland Galizien und Lodomerien, wo sich Polen und Ukrainer gegenüberstanden, was im Konfliktfall vor allem für die zahlreichen Juden ein Risiko war - sie wurden verdächtigt, der jeweils anderen Seite zuzuarbeiten. In Polen bildete sich eine militärische Untergrundorganisation namens POW. Die Erlangung der Unabhängigkeit Polens nach mehr als 100 Jahren Fremdherrschaft erzeugte eine allgemeine Hochstimmung. Polen, die in der österreichischen Armee dienten, desertierten zunehmend und gingen zur POW. Am 7. Oktober forderte ein Regentschaftsrat, der sich in Warschau gebildet hatte, den Anschluss aller polnischen Gebiete der Monarchie an einen souveränen polnischen Staat. Galizien schied am 30. Oktober 1918 aus der Monarchie aus.

Doch war es tatsächlich so leicht, das gesamte Kronland Galizien an Polen anzuschließen? Die ethnographische Karte des Gebiets war keineswegs eindeutig. Für die Polen war etwa klar, dass die Stadt Lemberg, ein altes Zentrum polnischer Kultur, in der deutlich mehr Polen als Ukrainer wohnten, der neu erstandenen Rzeczpospolita zugeschlagen werden muss. Doch im Umland von Lemberg lebten vorwiegend Ukrainer, die so ebenfalls Anspruch auf das Gebiet erhoben.

Es kam, wie es kommen musste: zum Krieg. Ukrainische Kräfte besetzten aufgrund einer Entscheidung des letzten österreichischen Statthalters im Handstreich Ostgalizien und seine Hauptstadt Lemberg und proklamierten dort die "Westukrainische Volksrepublik". Den polnischen Einwohnern der Stadt gefiel es nicht, dass sie sich nach der lang ersehnten Unabhängigkeit Polens in einem ukrainischen Staat wiederfanden. Sie leisteten gewaltsamen Widerstand, es kam zu schweren Kämpfen, die die Polen am 22. November für sich entscheiden konnten. Im Anschluss kam es zu einem Pogrom an den Lemberger Juden, 64 bis 150 Menschen sollen dabei getötet worden sein.

Doch das war nur der Auftakt zum Polnisch-Ukrainischen Krieg, der sich bis Mitte 1919 hinzog und mit einem Sieg Polens endete - und mit einem Bündnis zwischen Polen und der Ukrainischen Volksrepublik von Kiew, um gemeinsam gegen die Rote Armee zu kämpfen. Der Polnisch-Sowjetische Krieg sollte sich noch bis 1921 hinziehen. Nur mit großer Mühe gelang es Polen, die Sowjettruppen vor Warschau in die Flucht zu schlagen und damit ein weiteres Ausbreiten der Revolution bis nach Deutschland zu verhindern.

Auch der polnisch-ukrainische Konflikt schwelte im Zwischenkriegspolen weiter. Polen suchte in ukrainisch geprägten Gegenden eine Polonisierungspolitik durchzusetzen. Polnische Bauern wurden angesiedelt, Ukrainer benachteiligt. Das sorgte für böses Blut. Die 1929 in Wien gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) verübte Attentate auf polnische Politiker, die Situation spitzte sich zu. Im Zweiten Weltkrieg kam es dann zum Massenmord in Galizien und Wolhynien, zu einem brutalen Gemetzel unter den beiden Bevölkerungsgruppen und zur planmäßigen "ethnischen Säuberung".